Kommentar

Arbeiten am harten Kern

Stefan von Borstel über Hartz IV und das Problem der Langzeitarbeitslosigkeit

Sieben fette Jahre liegen hinter dem deutschen Arbeitsmarkt. Nie haben in Deutschland mehr Menschen gearbeitet als heute. Auch 2013 ist die Zahl der Erwerbstätigen gestiegen, allerdings nicht mehr in dem rasanten Tempo wie in den Vorjahren. Das liegt auch daran, dass es den Unternehmen immer schwerer fällt, Fachkräfte zu finden. Die Zahl der Arbeitslosen ist seit der Hartz-IV-Reform von mehr als fünf Millionen auf unter drei Millionen gefallen. Damit ist der harte Kern der Arbeitslosigkeit erreicht. Statt einen Langzeitarbeitslosen einzustellen, entscheiden sich Arbeitgeber offenbar lieber für gut ausgebildete Zuwanderer. Oder die Stellen werden aus der „stillen Reserve“ von Müttern und Älteren, die in den Beruf zurückkehren, besetzt. Nur so ist zu erklären, dass der Abbau der Arbeitslosigkeit trotz Beschäftigungsaufbau zum Stillstand gekommen ist.

An Langzeitarbeitslosen geht der Aufschwung am Arbeitsmarkt vorbei. Allein mit guter Konjunktur werden diese Menschen, zumal wenn sie schlecht ausgebildet sind, keine Chance auf eine neue Stelle bekommen. Ein simples Bewerbertraining und sanfter Druck oder gutes Zureden des Vermittlers werden dafür nicht ausreichen. Die Jobcenter werden aber immer noch daran gemessen, wie schnell sie Arbeitslose in den ersten Arbeitsmarkt vermitteln. Die schwer Vermittelbaren geraten darüber ins Hintertreffen, sie laufen Gefahr, vergessen zu werden. Das muss sich ändern.

Mit Hartz IV ist es gelungen, den „Nachschub“ in die Langzeitarbeitslosigkeit zu stoppen. Das Abrutschen in Hartz IV ist der Schrecken der Mittelschicht. Arbeitslose sind heute bei der Jobsuche zu größeren Konzessionen bereit als früher. Bevor sie Hartz IV beantragen müssen, nehmen sie lieber einen auch schlechter bezahlten Job oder eine ungeliebte Zeitarbeitsstelle in Kauf. Das Entstehen von Langzeitarbeitslosigkeit wird so verhindert.

Doch das Versprechen, auch Langzeitarbeitslose wieder in einen Job zu bringen, hat die Reform nicht erfüllt. Und für die rund 400.000 Chancenlosen, die in anderen Ländern schon längst als invalide aus der Statistik geschoben worden wären, hat Hartz IV nichts im Angebot. Wer nur drei Stunden arbeiten kann, gilt hierzulande als „erwerbsfähig“. An der Realität am Arbeitsmarkt geht das aber vorbei. Statt die Illusion von einer regulären Stelle zu nähren, sollte man diesen Menschen die Teilhabe am Arbeitsleben in öffentlich geförderter Beschäftigung bieten. Es ist an der Zeit, dass die deutsche Politik den harten Kern der Hartz-IV-Bezieher in den Blick nimmt.