Drogenpolitik

High nun in Colorado

Zwei US-Bundesstaaten legalisieren Cannabis. Investoren wittern ein riesiges Geschäft. Die Mehrheit der US-Bürger unterstützt den Vorstoß

Behutsam nimmt Matt Brown eine große Blüte Marihuana aus der transparenten Frischhaltetüte. Gute Qualität. Mit den Fingern zupft Brown das Gras entzwei und bröselt es in eine Glaspfeife. Um ihn herum, in einem Bus in der Innenstadt von Denver, sitzen zwei Dutzend Zuschauer, die meisten sind Männer in Anzügen. Es ist einer dieser Partybusse, die sonst vor allem für feucht-fröhliche Junggesellenabschiede durch die Stadt fahren. Statt Stuhlreihen gibt es ein Ledersofa, das sich u-förmig durch den ganzen Bus zieht. Die Männer sitzen im Kreis, Reiseleiter Brown mit der Pfeife in der Mitte.

Brown zieht genüsslich an der Pfeife, dann lässt er sie herumgehen. Manche nehmen tiefe Züge, andere paffen ein wenig unsicher und geben die Pfeife schnell weiter oder schütteln dankend den Kopf. Man muss hier nicht Kiffer sein, um mitmachen zu dürfen. Wichtig ist dagegen, dass man Geld hat: mindestens eine Million Dollar. So wollen es die Aufnahmekriterien für das Cannabis-Investoren-Netzwerk ArcView, dem die Männer angehören. Sie wollen verdienen an der vermutlich lukrativsten neuen Branche, die die USA gerade zu bieten hat: der Cannabiswirtschaft.

Ausgerechnet daspuritanisch geprägte Amerika steht vor einer Drogen-Revolution. Am 1. Januar erlaubten mit Colorado und Washington zwei Bundesstaaten Cannabis als Rauschmittel. Die beiden Staaten gelten als Testmärkte. Läuft der Versuch erfolgreich, könnten bald schon weitere nachziehen. In 14 Bundesstaaten werden entsprechende Petitionen gerade diskutiert. Schon jetzt erlauben außerdem 20 Staaten Cannabis als Medizin und ahnden auch den illegalen Konsum oft nur als Kavaliersdelikt.

18 Milionen regelmäßige Kiffer

Ein neuer Markt tritt nun zutage, den es im Schatten der Kriminalität schon lange gibt. Etwa 18 Millionen Amerikaner kiffen regelmäßig. Schätzungen von ArcView zufolge liegt der Jahresumsatz auf dem amerikanischen Cannabis-Schwarzmarkt aktuell irgendwo zwischen 18 und 30 Milliarden Dollar. Legal werden mit dem Rauschmittel dagegen bislang 1,4 Milliarden Dollar verdient. Mit der allmählichen Legalisierung könnte die Summe in den kommenden fünf Jahren um über 700 Prozent auf 10,2 Milliarden Dollar steigen. Einer Harvard-Studie zufolge würde eine komplette Freigabe dem US-Fiskus jährlich bis zu 13,7 Milliarden Dollar einbringen.

Als erstes westliches Land der Erde sind die USA dabei, Cannabis von der Herstellung über die Verarbeitung bis zum Handel komplett zu regulieren und zu legalisieren. Damit geht Amerika weiter als etwa die Niederlande. Dort ist der Verkauf und der Konsum von Marihuana in kleinen Mengen zwar schon seit den 70er-Jahren erlaubt, der Anbau dagegen blieb verboten. Coffeeshops müssen ihr Gras also illegal durch die Hintertür schaffen, um es dann legal zu verkaufen. Weiter als die USA ist nur Uruguay: Als erstes Land weltweit legalisierte die kleine südamerikanische Nation Anfang Dezember die gesamte Cannabis-Distribution vom Anbau bis zum Konsum. Weitere Länder dürften folgen, wenn das Experiment in den USA gelingt. In Berlin-Kreuzberg versucht die Bezirksregierung gerade den ersten legalen Coffeeshop Deutschlands durchzusetzen.

„Wir stehen vor dem größten wirtschaftlichen Umbruch seit dem Fall der Berliner Mauer“, sagt Steve DeAngelo. Der 55-Jährige hat ArcView vor drei Jahren gegründet. Gleichzeitig betreibt er das Harborside Health Center im kalifornischen Oakland, mit 30 Millionen Dollar Jahresumsatz die größte medizinische Ausgabestelle für Hanf im Land. Faktisch ist DeAngelo der größte legale Marihuana-Dealer des Erdballs. Dass sich mit 58 Prozent Zustimmung heute die Mehrheit der US-Bevölkerung für eine Legalisierung ausspricht und sogar 80 Prozent Cannabis als Medizin anerkennen, ist nicht zuletzt sein Verdienst.

Seit mehr als 40 Jahren kämpft der Hippie mit Hut, Anzug und geflochtenen Zöpfen für die Hanf-Freigabe. Trotz seiner Exzentrik ist der redegewandte Aktivist in der Branche und bei den Investoren hoch geachtet. Da stört auch nicht, dass er ständig seinen winzigen Chihuahua namens Goliath unter dem Arm hält. DeAngelo hat ihn als therapeutischen Begleiter eintragen lassen. „Der Hund hilft mir, mit der ständigen Angst vor dem Gefängnis klarzukommen“, sagt DeAngelo. Denn auch wenn der medizinische Verkauf von Cannabis in Kalifornien seit 1996 erlaubt ist, bewegte er sich ständig in einer rechtlichen Grauzone. Bis August waren Anbau und Verkauf von Marihuana laut Bundesrecht verboten. „Ich habe so viel Cannabis verkauft, dass es für drei Todesstrafen reichen würde“, sagt DeAngelo.

Seit August ist er diese Sorge zumindest teilweise los. Da veröffentlichte das Justizministerium in Washington ein Rundschreiben, wonach die Regierung künftig das Recht der Bundesstaaten anerkennt: Erlaubt ein Staat den Anbau, Verkauf und Konsum von Gras, wird das auf Bundesebene nicht mehr geahndet.

Die Probleme sind damit für DeAngelo und andere Cannabis-Händler nicht vollständig beseitigt. Noch immer dürfen sie keine Kreditkarten annehmen und keine Bankkonten haben, auch vom Steuerrecht werden sie benachteiligt. DeAngelo muss seinen gesamten Millionenumsatz in Bargeld abwickeln. Trotzdem sei die Stellungnahme des Justizministeriums ein Meilenstein, sagt DeAngelo: „Das ist der Wendepunkt, für den ich seit der Teenagerzeit gekämpft habe.“ Die neue Rechtssicherheit gebe der Branche den entscheidenden Kick, der bislang noch fehlte. Denn auch die Geldgeber müssen jetzt nicht mehr bangen, ins Visier der Bundesbehörden zu kommen. Für das Wachstum sei das sehr wichtig, denn Banken scheuen sich weiter, Kredite an die Branche zu vergeben. Risikokapitalgeber sind weniger zimperlich: Seit August hat sich die Zahl der ArcView-Investoren auf 100 verdoppelt. Die meisten von ihnen sind zur ArcView-Konferenz nach Denver, Colorado, gereist. Sie treffen hier auf 21 Start-up-Unternehmer, die ihre Geschäftsideen präsentieren wollen.

Einer von ihnen ist Reiseleiter Brown, der einen Teil der Anleger auf die Cannabis-Tour eingeladen hat. Mit einem Geschäftspartner hat der 31-Jährige Anfang des Jahres „My 420 Tours“ gegründet. 420 ist in den USA ein Slang-Ausdruck für Haschisch. Die Firma will Reisen für Kiffer-Touristen organisieren, Gras-Anbau-Seminare und Backkurse für Haschkekse anbieten. Noch ist das Geschäft etwas mühsam. Seit November 2012 ist der Konsum in Colorado zwar schon straffrei, der Kauf jedoch nur mit ärztlichem Rezept erlaubt. Brown muss den Stoff deswegen an seine Kunden verschenken.

Er selbst hat ein ärztliches Rezept für Cannabis, denn er leidet seit Jahren an der chronischen Darmkrankheit Morbus Crohn. Brown kündigte deswegen vor sechs Jahren seinen gut bezahlten Job bei einer Unternehmensberatung und zog ins Kiffer-freundliche Colorado. Nun wird das Geschäft dort richtig abgehen, glaubt Brown. „Wir erwarten Hunderttausende von Cannabis-Touristen.“