Kommentar

Homosexuell? Keine große Sache

Rainer Haubrich über das beiläufige Outing der Bundesumweltministerin

Zwölf Jahre ist es her, dass Klaus Wowereit am Ende seiner Bewerbungsrede für das Amt des Regierenden Bürgermeisters sagte: „Und wer’s noch nicht gewusst hat: Ich bin schwul – und das ist auch gut so.“ Damals sorgte er bundesweit für Schlagzeilen, weltweit sogar. Sein Mut zahlte sich aus. Bei der Wahl zum Abgeordnetenhaus vier Monate später gewann die SPD sieben Prozent hinzu und wurde nach 30 Jahren wieder stärkste Kraft in der Stadt. Nur einmal versuchte ein CDU-Gegenkandidat, aus Wowereits Veranlagung ein Thema zu machen: Berlin warte auf eine First Lady, sagte Friedbert Pflüger im Wahlkampf 2006. Wowereit siegte. Es gab das Zwangsouting des Ersten Bürgermeisters von Hamburg, Ole von Beust – worauf er die CDU an der Alster zu einem Rekord-Wahlerfolg führte. Und auch einen offen homosexuellen Außenminister und Vizekanzler erlebte das Land in Person von Guido Westerwelle (FDP).

Über Silvester hat sich nun erstmals eine Bundesministerin geoutet – ganz beiläufig. In einem Porträt über Barbara Hendricks in der „Rheinischen Post“ erwähnte die Umweltministerin von der SPD, dass sie sich darauf freue, den Jahreswechsel mit ihrer Lebenspartnerin in der Hauptstadt zu feiern. Gleichzeitig bekannte sich eine der besten Diskuswerferinnen der Welt, die Deutsche Nadine Müller, öffentlich zu ihrer Lebenspartnerin, indem sie sie heiratete. Ein großes Ding wolle sie aber nicht daraus machen, wie sie im Morgenpost-Interview sagt. Jeder solle selbst entscheiden, wie er mit seinem Privatleben umgehe.

Dieser entspannte Umgang mit Homosexualität steht im scharfen Kontrast zur Stigmatisierung und Verfolgung von Schwulen und Lesben in weiten Teilen der Welt. Die Diskussionen um die Anti-Homosexuellen-Gesetze in Russland zeigen, dass hier verschiedene Gesellschaftsmodelle um Einfluss ringen. Toleranz in Fragen der sexuellen Identität bleibt ein Merkmal liberaler Demokratien, wie man sie fast nur in der westlichen Welt findet. In den USA zum Beispiel, wo sich gerade eine Moderatorin von „Good Morning America“, der beliebtesten landesweiten Frühstückssendung, outete. Ebenfalls beiläufig: Nach überstandener Krebserkrankung dankte Robin Roberts auf Facebook ihren Angehörigen, darunter ihrer langjährigen Partnerin. Die Medien meldeten es, weiter nichts. No big deal, sagt man dort. Keine große Sache. So muss es sein.