Familie & Karriere

Regieren von zu Hause

Ursula von der Leyen mit Vorstoß in eigener Sache für mehr Flexibilität im Job

Der frisch ergatterte Ministerjob bringt für viele Kabinettsmitglieder im neuen Jahr das eingespielte Familienleben kräftig durcheinander: Arbeitsministerin Andrea Nahles hat eine dreijährige Tochter, für die sie sich schon als SPD-Generalsekretärin nur mühsam Zeit freischaufelte. Familienministerin Manuela Schwesig (SPD) hat einen kleinen Sohn, für den sie sich als Landesministerin in Schwerin noch Spielraum frei halten konnte. Und die siebenfache Mutter und Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) muss im neuen Ressort künftig zahlreiche Auslandsreisen irgendwie mit ihrer Großfamilie in Hannover in Einklang bringen.

Diese Zwickmühle nutzt von der Leyen jetzt für einen neuen Vorstoß in Sachen Vereinbarkeit von Familie und Beruf: Sie denke darüber nach, wie sie das Amt konkret im Alltag mit der Familie vereinbaren könne, sagte die 55-Jährige der Zeitschrift „Bunte“. „Ich hoffe, dass ich weiter viel von zu Hause aus steuern kann.“

Flexible Arbeitszeitmodelle

Mit ihrem Vorstoß bringt von der Leyen die Bedürfnisse Zehntausender berufstätiger Mütter zur Sprache, die zwar weiterhin im Job vorankommen wollen, dafür aber nicht ihr Familienleben komplett hintanstellen möchten. Heimarbeit bei vergleichsweise flexibler und selbstbestimmter Zeiteinteilung erscheint für die meisten berufstätigen Mütter eine geeignete Lösung – für viele Arbeitgeber allerdings noch nicht.

Nun geht von der Leyen als Beispiel in höchster Regierungsverantwortung voran. Sie hat zu Hause in Hannover nicht nur ihre Kinder, von denen die meisten schon ausgezogen sind. Außerdem lebt bei ihr noch ihr an Alzheimer erkrankter Vater, der frühere niedersächsische Ministerpräsident Ernst Albrecht. Bei seiner Betreuung helfen Pflegerinnen und die Kinder. War von der Leyen früher als Familienministerin zwischen 2005 und 2009 noch mehrmals in der Woche von Berlin nach Hannover gependelt, musste sie später als Arbeits- und Sozialministerin mehr Zeit in der Hauptstadt verbringen. Als Verteidigungsministerin kommen nun noch zusätzliche Auslandsreisen hinzu.

Mit ihrem Lösungsvorschlag liegt von der Leyen auf einer Linie mit ihrer SPD-Kabinettskollegin Andrea Nahles. Die Arbeits- und Sozialministerin hatte bereits am Tag nach ihrer Ernennung für eine neue Arbeitskultur geworben und dazu aufgerufen, Vollzeit neu zu definieren. „Mit dem Anwesenheitswahn muss Schluss sein, denn Familien brauchen auch Zeit“, sagte sie der „Bild“-Zeitung. Väter und Mütter müssten auch in Spitzenjobs mal nachmittags nach Hause gehen können, wenn sie das Krippenspiel ihres Kindes anschauen wollten.

Geht es nach den offiziellen Äußerungen aus dem Bundeskabinett, gewinnt das Familienleben bei den Spitzenpolitikern zunehmend an Bedeutung: So verließ Kanzleramtsminister Ronald Pofalla (CDU) völlig überraschend die Regierungsmannschaft von Angela Merkel (CDU), um sich mehr um seine Lebensgefährtin und um die Familienplanung zu kümmern, wie es hieß. Auch die bisherige Familienministerin Kristina Schröder (CDU) zog sich aus der ersten Reihe zurück, damit mehr Zeit für ihre Tochter bleibt. Inzwischen erwartet sie ihr zweites Kind. Und der neue Arbeitsstaatssekretär Jörg Asmussen begründete seinen Wechsel vom Direktorium der Europäischen Zentralbank in Frankfurt in das Berliner Sozialministerium mit dem Wunsch, mehr Zeit mit seiner dort lebenden Familie zu haben. „Der Job kann noch so toll sein, nur arbeiten macht nicht glücklich“, sagte er.

Auch andere Kabinettskollegen gehen immer offener mit ihrem Privatleben um. So sagte die neue Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD) der „Rheinischen Post“, dass sie Silvester mit ihrer Lebenspartnerin in Berlin feiern werde.

Zuspruch bei Wählern

Von der Leyen war bereits mit ihrem Eintreten für das Elterngeld für Mütter und Väter, die zur Kinderbetreuung im Job pausieren, zu einem der populärsten Zugpferde der Union avanciert. In der aktuellen Forsa-Umfrage für den „Stern“ steigerte sie sich in der Wählergunst: Die Verteidigungsministerin verbessert sich um sieben Zähler auf 56 Vertrauenspunkte und landet damit auf dem vierten Platz hinter Merkel, Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) und Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD).

Die Verteidigungsministerin betonte, wie wichtig die Unterstützung ihres Ehemanns im neuen Kabinettsposten sei. „Mein Mann ist wunderbar. Er trägt das neue Amt mit“, sagte sie. Er habe ihr zugeraten: „Du musst das machen, was du dir zutraust und womit du dich wohlfühlst.“

Dass Ursula von der Leyen ihre Aufgabe mit vollem Einsatz angeht, zeigte sie schon nach wenigen Tagen im Amt. So flog sie auf ihrer ersten Reise kurz vor Weihnachten nach Afghanistan, um die dort stationierten Soldaten zu besuchen.