Chaos Communication Congress

Wikileaks ruft zur Unterwanderung auf

Informatiker sollen Geheimdienste infiltrieren. Julian Assange auf Hacker-Kongress zugeschaltet

Plötzlich stand sie auf der Bühne: Sarah Harrison, die den ehemaligen Geheimdienstmitarbeiter Edward Snowden auf seiner Flucht begleitete, ist überraschend beim Chaos Communication Congress aufgetreten. Bei einem Vortrag der Wikileaks-Aktivisten Julian Assange und Jacob Appelbaum trat Harrison ebenfalls auf die Bühne des Hamburger Kongresszentrums. Die drei Aktivisten richteten einen deutlichen Appell an die Hacker und Computerexperten: Sie sollten Geheimdienste und andere Institutionen infiltrieren und wie Edward Snowden geheime Informationen öffentlich machen.

Systemadministratoren hätten enorme Macht, sagte Assange per Videoübertragung aus der ecuadorianischen Botschaft in London. Die sogenannten Sysadmins verwalten Netzwerke und kennen daher die Struktur der Systeme. Sie sollten Geheimdiensten und Firmen beitreten, Informationen sammeln und diese öffentlich machen, forderte Assange. Selbst einzelne Systemadministratoren könnten großen Einfluss haben, wenn sie Informationen veröffentlichten.

Die Videoverbindung zu Assange über Skype brach mehrmals ab – so auch bei der Frage, wie die Aktivisten die Flucht von Edward Snowden aus Hongkong organisierten. Seine Mitstreiter auf der Bühne witzelten, dass wohl die Geheimdienste hinter der stockenden Videoverbindung steckten.

Sarah Harrison bekam zu Anfang ihres Auftritts stehenden Applaus. Sie betonte, Wikileaks arbeite trotz des Drucks der US-Regierung weiter. „Wir setzen unsere Veröffentlichungen fort“, sagte sie. Sie könne derzeit aus Angst vor Strafverfolgung nicht nach Großbritannien zurückkehren. „Deswegen bleibe ich in Deutschland.“ Seit Anfang November lebt Sarah Harrison in Berlin. An dem Auftritt von Assange hatte es zuvor auch Kritik gegeben. Einige Aktivistinnen fanden es nicht angemessen, Assange sprechen zu lassen, während Vorwürfe wegen sexueller Vergehen gegen ihn weiter offen sind.

Gezielte Methode der NSA

Unterdessen wurde bekannt, dass der US-Geheimdienst NSA Computer von Zielpersonen gezielt und unauffällig mit Ausspähsoftware infiziert. Dafür werde über präparierte Netzwerktechnik der Datenverkehr abgefangen und ihm ein zusätzlicher Programmcode von einem NSA-Server beigemischt, heißt es in einer NSA-Präsentation, die der „Spiegel“ veröffentlichte. Das System wird in den vom Informanten Snowden mitgenommenen Unterlagen unter dem Namen „Quantum“ geführt.

Zusätzlich gab es weitere Informationen zur Fähigkeit der NSA, verschiedene technische Geräte anzuzapfen. Der „Spiegel“ veröffentlichte online Auszüge aus einem internen Katalog für Ausspähtechnik. Dort gibt es zum Beispiel für 30 Dollar ein präpariertes Monitorkabel, mit dem man per Radar auf Entfernung den Inhalt des Bildschirms auslesen kann. Eine GSM-Basisstation, die sich als Mobilfunkmast ausgibt und zur Überwachung von Handys eingesetzt werden kann, werde mit 40.000 Dollar veranschlagt.

Den Unterlagen zufolge hat die NSA Einbaumodule für Geräte der Computer- und Netztechnikhersteller Cisco, Dell, Juniper, Hewlett-Packard sowie Huawei aus China. Cisco zeigte sich in einem Blogeintrag besorgt. Man versuche, zusätzliche Informationen zu bekommen. „Wir arbeiten mit keiner Regierung zusammen, um unsere Produkte für eine Ausbeutung zu schwächen oder sogenannte Sicherheitshintertüren zu installieren.“ Dem Konzern seien derzeit keine Schwachstellen in seinen Produkten bekannt.

Die Mehrheit der Deutschen hat ihr Internetverhalten auch nach der NSA-Affäre nicht verändert: 59 Prozent machen weiter wie bisher, ergab eine Emnid-Umfrage für „Chrismon“. Lediglich 24 Prozent von 1000 Befragten gaben an, vorsichtiger geworden zu sein, was sie über soziale Netzwerke wie Facebook mitteilten. Acht Prozent kaufen danach weniger online ein, 15 Prozent verzichten auf Online-Banking, und sechs Prozent verschlüsseln ihre Daten. Drei Prozent schreiben mehr Briefe und weniger E-Mails, hieß es weiter. Frauen sind etwas vorsichtiger als Männer.