Russland

Angst und Schrecken in Wolgograd

Wieder zündet ein Selbstmordattentäter eine Bombe in Südrussland. In einem Bus sterben viele Menschen

In der südrussischen Stadt Wolgograd herrscht Angst und Panik. Nur einen Tag nach dem Terroranschlag am Hauptbahnhof gab es am Montagmorgen eine weitere Explosion. Die Bombe ging in einem Bus hoch. Ermittler sprechen von einem Terroranschlag und schließen nicht aus, dass beide Explosionen miteinander zu tun haben. Mindestens 14 Menschen kamen ums Leben, 28 wurden verletzt, darunter auch ein einjähriges Kind.

Die Explosion ereignete sich um 8.23Uhr Ortszeit (5.23 Uhr Mitteleuropäischer Zeit) zur Hauptverkehrszeit. Der Bus Nummer 15 war auf der Fahrt vom Krankenhaus Nummer 25, in das die meisten Opfer des Anschlags vom Sonntag eingeliefert wurden, ins Zentrum der Stadt. Bei der Explosion wurde der Mittelteil des Busses nahezu komplett zerstört. Auf den Bildern sieht man das ausgebrannte Gerüst, das Dach ist abgerissen, überall liegen Leichen herum. Auf dem Asphalt sind Splitter und Blutspuren zu sehen.

Die Druckwelle war so stark, dass Fensterscheiben in den umliegenden Häusern platzten. „Ich hörte einen lauten Knall und schreiende Menschen“, erzählte eine Augenzeugin im russischen Staatsfernsehen. „Mir wurde nicht sofort klar, dass es ein Bus war, so zerstört war er. Alles wurde ausgeschlagen, nicht nur Fensterscheiben, sondern auch der Rumpf war zerstört. Menschen liefen weg.“

Olympiade beginnt in 40 Tagen

Zunächst dachte das russische Anti-Terror-Komitee, dass es kein Selbstmordattentat war. Mittlerweile jedoch wird doch davon ausgegangen. „Vorläufig kann man sagen, dass die Bombe von einem Selbstmordattentäter gezündet wurde, einem Mann, dessen Körperteile gefunden wurden“, sagte der Sprecher der russischen Ermittlungsbehörde, Wladimir Markin. Die am Sonntag angekündigten Sicherheitsmaßnahmen konnten den zweiten Anschlag offenkundig nicht verhindern. Augenzeugen aus Wolgograd erzählen, dass Menschen aus Angst vor neuen Explosionen aus Bussen und Straßenbahnen aussteigen und zu Fuß gehen. Gerüchte über neue Explosionen verbreiten sich. Der russische Geheimdienstchef Alexander Bortnikow ist nach Wolgograd geflogen.

Am Sonntag war bereits eine Bombe im Eingangsbereich des Wolgograder Bahnhofs explodiert. 17 Menschen kamen ums Leben, mehr als 40 wurden verletzt. Die Explosionskraft der Bombe wird auf zehn Kilogramm TNT geschätzt. In den russischen Medien wurden Ermittler mit unterschiedlichen Theorien zitiert. Klar ist, dass auch dieser Anschlag ein Selbstmordattentat war. Die überlebenden Polizisten erzählten, dass sie vor der Sicherheitskontrolle eine verdächtige Frau gesehen hätten. Als einer der Polizisten auf sie zugekommen sei, sei es zur Explosion gekommen. Nach einer anderen Version, über die die Nachrichtenagentur Interfax berichtete, wurde die Bombe von einem Mann gezündet. Er habe sie in seinem Rucksack getragen. Die Explosion sei erfolgt, als der Mann neben dem Metalldetektor von einem Polizisten zur Überprüfung gestoppt worden sei.

Am Tatort sei ein männlicher Finger mit einem Vorstecker einer Granate gefunden worden, meldete Interfax, außerdem eine Granate, die nicht explodierte, eine Pistole und eine elektronische Uhr. Dies sei eine ähnliche Handschrift wie schon bei der Explosion in einem Bus in Wolgograd am 21. Oktober. Auch dort hätten Terroristen gleich mehrere Methoden vorgesehen, um die Bombe zu zünden – mittels einer Uhr und einer Granate. Der Anschlag im Oktober war von der 30-jährigen Terroristin Naida Assijalowa ausgeführt worden, die mit islamistischen Untergrundkämpfern im Nordkaukasus in Verbindung stand.

Die Anschläge werfen Fragen zur Sicherheitslage während der Winterspiele in Sotschi auf, die bereits in 40 Tagen beginnen. Im Juli dieses Jahres hatte Doku Umarow, der Anführer der islamistischen Terroristen im Nordkaukasus, in einem Video dazu aufgerufen, die Olympischen Spiele in Russland um jeden Preis zu verhindern. Präsident Wladimir Putin jedoch sagte in einem Interview im September: „Ich gehe davon aus, dass unsere Geheimdienste und Sicherheitsbehörden das unbedingt schaffen. Wir müssen alles tun, um den Drohungen ein Ende zu setzen und Terroristen keine Chance zu geben.“

In Sotschi sind die Sicherheitsmaßnahmen bereits jetzt beispiellos verstärkt worden, doch in den anderen südlichen Regionen Russlands sind sie anscheinend bislang nicht ausreichend, um Anschläge zu verhindern. Der Chef des russischen Olympischen Komitees, Alexander Schukow, hält zusätzliche Maßnahmen nicht für notwendig.

Wolgograd hieß bis 1961 Stalingrad, ist eine wichtige Industriemetropole und ein bedeutender Verkehrsknotenpunkt am Unterlauf der Wolga. Mit mehr als einer Million Einwohnern zählt sie zu den 15 größten Städten des Riesenreichs Russland. Im Zweiten Weltkrieg war Stalingrad völlig zerstört worden. Heute erinnert nur noch die Ruine der einst von einem Deutschen gebauten Mühle an die Verwüstungen in der „Heldenstadt“. Nach dem Krieg bauten Architekten das Zentrum im neoklassizistischen Stil wieder auf. Zentraler Gedenkort ist der Mamajew-Hügel, den eine 87 Meter hohe Figur der Mutter Heimat mit erhobenem Schwert überragt.