Angriff

60 Schüsse auf die deutsche Botschaft

Unbekannte attackieren Residenz in Athen. Griechenland will im Jahr 2014 erstmals ohne neue Hilfskredite auskommen

Sie verschossen die Magazinladungen zweier Kalaschnikow-Sturmgewehre: Unbekannte haben Montagnacht gegen 3.30 Uhr auf die Residenz des deutschen Botschafters in Athen, Wolfgang Dold, gefeuert. Verletzte gab es nicht.

Der Polizeibeamte, der die Residenz im Vorort Chalandri bewache, habe von seiner Waffe wegen der gegenüberliegenden Wohnhäuser keinen Gebrauch gemacht, hieß es. Das Gebiet sei von der Polizei abgesperrt worden. In den griechischen Medien ist die Rede von mindestens 60 Patronenhülsen, die von der Polizei gefunden wurden. Sechs Personen sollen den Informationen nach festgenommen worden sein.

Insgesamt vier Täter sollen mit zwei Motorrädern gekommen sein. Sie hätten in die Luft und auf das Gebäude geschossen, das zahlreiche Einschusslöcher aufweise. Die Täter hätten es anscheinend bewusst vermieden, in die Richtung des Wächters zu schießen. Jedoch soll ein Projektil sogar im Schlafzimmer von Dolds Tochter gefunden worden sein. Ministerpräsident Antonis Samaras und der Minister für öffentliche Ordnung, Nikos Dendias, telefonierten bereits am Vormittag mit Dold.

Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) sagte: „Das ist ein Vorfall, den wir sehr ernst nehmen. Nichts, aber auch gar nichts kann einen solchen Angriff auf einen Vertreter unseres Landes rechtfertigen.“ Er sagte, es werde den Tätern nicht gelingen, „die guten Beziehungen zwischen Deutschland und Griechenland und zwischen Deutschen und Griechen kaputt zu machen“. Regierungssprecher Steffen Seibert berichtete vor der Bundespressekonferenz, Griechenlands Ministerpräsident Antonis Samaras habe wegen des Vorfalls mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) telefoniert. Die Bundesregierung wünsche Griechenland in den nächsten sechs Monaten eine gute EU-Präsidentschaft. Griechenland könne dabei mit der Unterstützung Deutschlands rechnen. Ein Sprecher Steinmeiers bescheinigte den griechischen Behörden, nach dem Vorfall „schnell und umsichtig“ reagiert zu haben. Wie es weiter hieß, habe die griechische Regierung zugesichert, die Sicherheitsmaßnahmen vor Ort zu verstärken und alles zu tun, damit die Verantwortlichen ausfindig gemacht und zur Verantwortung gezogen werden.

Die deutsche Botschafterresidenz war bereits im Mai 1999 Ziel eines Terroranschlags gewesen. Damals war eine Panzerfaust auf das Haus abgefeuert worden. Zu dem Anschlag hatte sich die Untergrundorganisation 17. November bekannt. Die Gruppe war von 1975 bis zu ihrer Zerschlagung 2002 aktiv und bekannte sich zu 23 Morden und zahlreichen weiteren Anschlägen. Die Täter werden im linken Spektrum vermutet. In der letzten Zeit häufen sich die Anzeichen einer Radikalisierung der militanten linken Szene in Griechenland. So wurden vor kaum zwei Monaten zwei Mitglieder der rechtsradikalen Partei Goldene Morgenröte vor dem Parteibüro in einem Athener Vorort erschossen. Eine Gruppe mit Namen Kämpfende Revolutionäre Volkskräfte übernahm die Verantwortung.

Am Montagabend wurde bekannt, dass Griechenland nach dem Ende der internationalen Rettungsprogramme im kommenden Jahr ohne neue Hilfskredite auskommen will. 2014 werde Athen „den großen Schritt zum Verlassen“ der Rettungsvereinbarungen mit Europa und dem Internationalen Währungsfonds (IWF) machen und keine neuen Hilfen benötigen, sagte der griechische Regierungschef Antonis Samaras in einer Fernsehansprache an die Nation. Griechenland werde im kommenden Jahr „wieder an die Märkte“ zurückkehren und den Weg zurück zu einem „normalen Land“ einschlagen. Griechenland hatte 2010 am Rande des Bankrotts gestanden und konnte nur durch massive internationale Hilfe gerettet werden.

Diese Ankündigung fällt zusammen mit Griechenlands turnusgemäßer Übernahme der EU-Ratspräsidentschaft zum 1. Januar. Athen ist optimistisch: Die sechsmonatige griechische Ratspräsidentschaft werde trotz der Finanzkrise ein Erfolg sein, heißt es. „Wir sind in dieser Hinsicht sehr erfahren. Es ist die vierte EU-Ratspräsidentschaft für Athen“, sagte Vizeaußenminister Dimitris Kourkoulas. Dennoch stellt sich die Frage, wie stabil das Land nun ist. Es gebe populistische und extremistische Kräfte, die eine Destabilisierung wünschten, gab Kourkoulas schon vor dem Anschlag zu.