Interview

„Ich empfinde es als Unrecht“

Die frühere Bildungsministerin Annette Schavan über den Streit um ihren Doktortitel und ihr Leben ohne Amt

Sie überreicht die Visitenkarte mit einem Lächeln. „Dr. Annette Schavan, Mitglied des Deutschen Bundestages, Bundesministerin a. D.“ Mit Jochen Gaugele spricht die CDU-Politikerin zum ersten Mal seit ihrem Rücktritt im Februar über die Plagiatsvorwürfe, die – noch nicht rechtskräftige – Aberkennung ihres Doktortitels, die Klage vor dem Verwaltungsgericht Düsseldorf. Und über ihr neues Leben jenseits des Amts.

Berliner Morgenpost:

Frau Schavan, Sie waren im Bundestag, als die neuen Minister vereidigt wurden. Was ist Ihnen durch den Kopf gegangen?

Annette Schavan:

So ist es jetzt. Das war schon noch ein emotionaler Tag für mich. Nach so vielen Jahren als Ministerin sitzt man da nicht teilnahmslos. Berührt hat mich auch, dass sämtliche Kabinettsmitglieder den Wunsch „So wahr mir Gott helfe“ ausgesprochen haben. Das ist ein Signal, das weit über die Politik hinausgeht.

Haben Sie einen Begriff für das, was Ihnen in den vergangenen beiden Jahren widerfahren ist?

Ich empfinde es als Unrecht. Deshalb klage ich dagegen. Was geschehen ist, schadet nicht nur mir, sondern auch der Wissenschaft.

Sind Sie wütend?

Ich bin auf Zukunft ausgerichtet. Die Geschichte darf in meinem Leben nicht bestimmend sein. Ich bin vor allem nachdenklich, weil ich ein solches Vorgehen nicht für möglich gehalten habe.

Welches Vorgehen meinen Sie genau?

Jemandem zu sagen, er habe vor 33 Jahren in seinem Text zum Abschluss des Studiums absichtlich getäuscht, ist mit einem irren Menschenbild verbunden. Das wäre ja glatter Selbstbetrug gewesen und nicht allein Betrug an Doktorvater und Fakultät. Ein Selbstbetrug massiver Art, den man in seinem Leben auch nicht vergessen würde. Es ist eine Arbeit über Gewissensbildung gewesen. Die Vorstellung, jemand beschäftigt sich in jungen Jahren mit diesem Thema und erstellt einen Text mit Täuschung als Vorsatz, ist schlicht absurd.

Sind Ihnen einfach Fehler unterlaufen?

Es ging um Fragen an der Schnittstelle von Theologie, Philosophie und Pädagogik. Dazu gehörte auch, Gewissenstheorien zu referieren und nach ihrer Bedeutung für Gewissensbildung zu fragen. Da finde ich heute auch schwache Stellen, aber es gibt angesichts von 880 Fußnoten keine Zweifel über die Textquellen. Meine Arbeit wurde 30 Jahre lang als ein gutes Buch gesehen.

Sind Ihnen Zweifel gekommen, ob Sie eine gute Wissenschaftlerin sind?

Ich nehme für mich in Anspruch, integer gearbeitet zu haben. Es gehört zu den guten Erfahrungen dieses Jahres, dass ich enorm viel Zuspruch besonders aus der Wissenschaft erfahren habe, auch international. Wenn das nicht so gewesen wäre, hätte ich vermutlich nicht so lange durchgehalten.

Warum sind Sie zurückgetreten?

Weil eine Wissenschaftsministerin, die gegen eine Universität klagt, nicht damit rechnen kann, dass dies in der Öffentlichkeit für vereinbar gehalten wird.

Hat Angela Merkel versucht, Sie abzuhalten?

Die Situation war so offenkundig, dass da gar nicht so viel gesprochen werden musste.

Wie wichtig ist es für Sie, den Prozess gegen die Universität Düsseldorf zu gewinnen?

Es geht mir nicht um den Titel. Es geht um ein Vorgehen, das ich zu hundert Prozent für falsch halte. Es wird viel diskutiert über die Sicherung wissenschaftlicher Standards. Dazu gehört auch der Umgang mit Plagiatsvorwürfen.

Glauben Sie, das Verwaltungsgericht gibt Ihnen recht?

Das lasse ich auf mich zukommen.

Denken Sie über die Motive anonymer Plagiatsjäger nach?

Der Anonyme, mit dem ich es zu tun habe, gibt ja Interviews. Auf die Frage, warum er sich nicht zu erkennen gebe, sprach er einen klaren Satz ohne jeden Schnörkel: Er wolle nicht den Sturz von Frau Schavan in Gang gebracht haben. Man muss da keine großen Vermutungen mehr anstellen. Das war ein Angriff auf meine Integrität.

Ist Ihnen das Motiv des Gutachters, der Ihnen eine ‚leitende Täuschungsabsicht‘ unterstellt, ebenso klar?

Nein.

Bereuen Sie Ihren Ausspruch, Sie schämten sich nicht nur heimlich für Guttenberg und seine Doktorarbeit?

Das war ein sehr abgewogenes Interview, das sich nicht aus diesem einen Satz erklärt. Deshalb muss ich das nicht bereuen.

Es gibt ein Foto vom Tag, als Guttenberg zurücktrat: Angela Merkel zeigt Ihnen ihr Handy – und dann lächeln Sie. Was stand auf dem Display?

Zum Respekt vor der Amt der Bundeskanzlerin gehört, nicht öffentlich zu erklären, was auf dem Display ihres Handys stand. Das gilt auch, wenn manche glauben, es zu wissen.

Wie sieht Ihr Alltag aus?

Ich nehme mein Mandat wahr, führe ein stilleres Leben als bislang, schreibe mehr und befasse mich stärker mit internationalen Fragen.Ich werde in den Bundestagsausschuss für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung gehen. Da will ich meine Erfahrungen einbringen. Ich strebe aber kein Amt im Parlament an.

Sie haben Ihre universitäre Tätigkeit gar nicht erwähnt.

Ich lehre weiter an der Berliner FU und habe wieder ein Seminar. In diesem Semester geht es um die Grundfragen christlicher Ethik.

Haben Sie Alltägliches neu gelernt?

Die größte Veränderung ist der Umgang mit Zeit. Viele Dinge des täglichen Lebens habe ich mir nie abgewöhnt, musste sie also nicht neu lernen.

Verändert sich Ihre Perspektive, wenn Sie Ihren Titel behalten dürfen?

Nein.

Sie werden keine höheren Ämter mehr bekleiden?

Alles hat seine Zeit. Ich habe mich früh entschieden, dass meine Verarbeitung dieser Erfahrung nicht darin bestehen wird, wieder dahin zu wollen, woher ich komme.

Sie waren Bundesministerin. Ministerpräsidentin waren Sie noch nicht.

Werde ich auch nicht sein. Ich öffne mich für eine neue Lebensphase. Ich kann wirken ohne Amt.