Ex-Oligarch

Visum beantragt: Chodorkowski will in die Schweiz

Der freigelassene Kreml-Kritiker Michail Chodorkowski will vorerst in der Schweiz leben.

Wie das Schweizer Außenministerium mitteilte, beantragte der 50-Jährige ein Schengen-Visum bei der Schweizer Botschaft in Berlin. Der Ex-Ölunternehmer war am Freitag nach jahrelanger Haft von Russlands Staatschef Wladimir Putin begnadigt worden und nach Berlin ausgereist. Russlands Oberstes Gericht will nun die Prozesse überprüfen, die zu seiner Verurteilung geführt hatten.

Die Schweizer Botschaft prüfe Chodorkowskis Antrag und stehe im Kontakt mit der zuständigen Einwanderungsbehörde. Das Verfahren sei vertraulich; es werde erst wieder über den Fall informiert, wenn die Entscheidung über den Visumantrag gefallen sei. Chodorkowskis Frau Inna und die beiden Zwillingssöhne Gleb und Ilja leben in der Schweiz, die gemeinsame Tochter Anastasia in Moskau. Der frühere Chef des inzwischen zerschlagenen Ölkonzerns Yukos hat Schweizer Medien zufolge einen Teil seines Vermögens auf Schweizer Konten. In der „Sonntagszeitung“ ist von „mindestens 200 Millionen Schweizer Franken“ (rund 166 Millionen Euro) die Rede.

Chodorkowski war 2003 festgenommen und zwei Jahre später wegen Betrug und Steuerhinterziehung verurteilt worden. Ihm drohten in Russland noch weitere Verfahren, sodass ein Ende seiner Haft nicht absehbar war. Am Mittwoch kündigte ein Sprecher des Obersten Gerichts in Russland an, die beiden umstrittenen Prozesse gegen Chodorkowski in den Jahren 2005 und 2010 würden in den kommenden zwei Monaten überprüft. Als Begründung verwies er auf ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte, der im Juli Verfahrensmängel im ersten Prozess gegen Chodorkowski und seinen Geschäftspartner Platon Lebedew kritisiert hatte.

Laut einer Umfrage des Instituts Lewada begrüßen 47 Prozent der Russen Chodorkowskis Begnadigung, nur fünf Prozent kritisieren die Entscheidung.