Zeugenaussage

„Sie sind ein kleiner Klugsch…“

Der Vater von Uwe Mundlos beleidigt im NSU-Prozess den Richter. Beate Zschäpe beschreibt er als nettes Mädchen von nebenan

Es dauert 30, allenfalls 40Sekunden, da bekommt der Zeuge Siegfried Mundlos vom Richter den ersten Rüffel. Der Vater des mutmaßlichen Mehrfach-Mörders Uwe Mundlos soll an diesem Tag aussagen beim NSU-Prozess, und nachdem er mit penibler Sorgfalt sein Tischchen vor sich ausgestattet hat, links eine Flasche Mineralwasser, davor ein weißer Plastikbecher, daneben auf einer Serviette ein glänzender Apfel, da zieht der pensionierte Informatikprofessor einen Pack Notizen aus seiner Aktentasche und spricht. Zunächst einmal wolle er alle Anwesenden, allen voran Presse und Bundesanwalt, an die Unschuldsvermutung erinnern, sagt Mundlos salbungsvoll und stellt damit den Vorwurf in den Raum, seinem toten Sohn geschehe hier gerade Unrecht.

Da bricht bei Richter Manfred Götzl zum ersten Mal der Unmut durch, er herrscht den 67-Jährigen an, Stellungnahmen zu unterlassen. Immer wieder geraten Richter und Zeuge aneinander, einer wirft dem anderen vor, ihn nicht ausreden zu lassen. Als Richter Götzl wissen will, warum er seinen Sohn darauf hingewiesen habe, dass Uwe Böhnhardt angeblich gewalttätig war, wirft Mundlos dem Richter entnervt hin: „Sie sind ein kleiner Klugsch…“

Gerade eben noch unterbricht sich Mundlos selbst, bevor das Wort ganz ausgesprochen ist, die fassungslosen Zuschauer halten die Luft an. Götzl, der eine solche Beleidigung wohl auch eher selten zu hören bekommt, droht empört mit Ordnungsmitteln, da zickt Mundlos: „Nennen Sie mich gefälligst Professor Mundlos.“ Götzl bleibt beim „Doktor“. Und wird prompt vom emeritierten Professor als arrogant bezeichnet.

Wahrscheinlich kannte Götzl die Aussagen von Mundlos vor dem Thüringer NSU-Untersuchungsausschuss und wollte Mundlos von Beginn an daran hindern, den Gerichtssaal als Plattform für Anschuldigungen gegen Verfassungsschutz oder Polizei zu nutzen. Als „Mann mit einer Mission“ wurde der pensionierte Informatikdozent mit den buschigen Augenbrauen nach seinem Auftritt in Thüringen von der Presse beschrieben, als einer, der selbst zahllose Fragen stellt und debattieren, ja aufklären will, dass eigentlich der Verfassungsschutz an der ganzen Misere schuld sei.

Gutes Verhältnis zum Sohn

Mundlos, Doktor der Theoretischen Mathematik, hat mehr als 20 Jahre lang Informatik an der Fachhochschule Jena gelehrt. Sein schwerstbehinderter erstgeborener Sohn sitzt im Rollstuhl. „Ich bin ja nicht nur Zeuge, sondern auch Verletzter, mit meiner ganzen Familie“, gibt Mundlos in München nun klagend von sich. Und irgendwie hat er ja recht. Aber in den Ohren jener Angehörigen, deren Väter oder Brüder Uwe Mundlos laut Bundesanwalt mit Kopfschüssen gezielt hingerichtet hat, muss der Satz wie Hohn klingen. Ebenso das, was Mundlos an diesem Morgen über seinen Zweitgeborenen zu sagen hat: „Er war sehr ehrlich. Er war moralisch verantwortungsvoll. Er hat sich rührend um seinen behinderten Bruder gekümmert. Er hatte ein hohes soziales Bewusstsein.“

Auf zwei Tage ist die Vernehmung von Siegfried Mundlos angelegt. Neben der Mutter von Uwe Böhnhardt ist der Informatiker aus Jena jener Mensch, der am ehesten Licht in die Gedankenwelt von Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe bringen könnte. Theoretisch zumindest – das Verhältnis zu seinem Sohn schildert Mundlos als gut, teilweise durchaus vertrauensvoll.

Über Zschäpe hat Siegfried Mundlos nur Gutes zu sagen, wieder einmal. Es fallen ähnliche Sätze wie schon so oft in diesem Gerichtssaal, dass sie nett gewesen sei, bei Familienfesten und an Weihnachten eingeladen wurde und sich „ganz lieb“ um die Kinder der Cousine gekümmert habe. Und erstaunlicherweise, dass er sie damals, 1992 bis 1994, als sie mit seinem Sohn intim war, „eher ins linke Spektrum“ geordnet hätte, hundertprozentig nicht in die rechte Szene. „Sie hat ja auch einen rumänischen Vater, Fremdenhass habe ich nie beobachtet.“ Er habe gehofft, sie habe einen guten Einfluss auf den Sohn, unter anderem, weil sie nicht viel von Springerstiefeln und Bomberjacke hielt. „Sie war ein ganz normales Mädchen, das hübsch aussehen wollte.“ Die Aussage erzeugte Unruhe auf den Rängen der Zuschauer.

Es scheint, als stoße das Gericht wie schon bei Brigitte Böhnhardt erneut an die Grenzen dessen, was an Aufklärung durch Angehörige möglich ist. So viel Verdrängung ist da, so viel Bemühen, sich die grausame Wahrheit schön oder zumindest irgendwie erträglich zu reden. Auch die Lehrerin Brigitte Böhnhardt schien davon überzeugt zu sein, dass ihr Sohn eigentlich selbst ein Opfer war. Für Brigitte Böhnhardt gehörte zu diesen falschen Freunden vor allem auch Uwe Mundlos. Siegfried Mundlos wiederum bezeichnet Uwe Böhnhardt als „tickende Zeitbombe, als ganz, ganz gefährlicher Typ, der einen abstechen könnte“.

Die eigentlichen Feinde und Verführer sieht Mundlos aber weiter oben angesiedelt, direkt beim Staat. „Sie können den Verfassungsschutz nicht aus dem Verfahren heraushalten“, lässt er das Gericht wissen. Nach dieser Einschränkung wendet er sich dann aber doch an die Familien der Mordopfer. „Ich kann tief empfinden, wie schmerzlich der Verlust für Sie sein muss, und ich kann auch selbst erst wieder ruhig leben, wenn ich genau weiß, was hinter dieser ganzen Sauerei steckt.“