Untersuchung

Kindesmissbrauch: Neue Regeln für Vereine verlangt

Bundesbeauftragter Rörig alarmiert wegen Pädophiler

Da ist der erfolgreiche Kampfsporttrainer, der wegen sexuellen Missbrauchs einer Schülerin eine mehrjährige Haftstrafe absitzt und hinterher ohne viel Aufhebens wieder in den Verein zurückkehrt. Da ist der beliebte Eishockeytrainer, der vor achtjährigen Jungen unter der Dusche an sich herumspielt und nach Beschwerden einzelner Eltern einfach den Verein wechselt. Da ist der erfahrene Übungsleiter eines Turnvereins, der über Jahre Kinder missbraucht haben soll und in seiner Wohnung mehr als 12.000 Fotos und fast 400 Videos mit Kinderpornografie hortet.

Nach einer Untersuchung des Bundesbeauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig, die dieser Zeitung vorliegt, sind die Sportvereine in Sachen Schutz, Verfolgung und Aufarbeitung von Missbrauch Schlusslichter hinter den Kirchen, Schulen, Internaten, Heimen und anderen Betreuungseinrichtungen. Und das ausgerechnet bei dem besonderen Risiko, das der Sport mit sich bringt: gemeinsames Umkleiden, Hilfestellungen des Trainers, dann noch das Duschen und Turnierfahrten.

„Wirklich dramatisch ist, dass nur 28 Prozent der Sportvereine, die sich an unserer Befragung in Einrichtungen 2013 beteiligt haben, eine Risikoanalyse vorgenommen haben“, sagt der Bundesbeauftragte Rörig. Risikoanalyse heißt, mit den Augen eines Pädosexuellen durch das Vereinsleben und die Sportstätten zu gehen und herauszufinden, wo sich einem Täter Gelegenheiten für sexuelle Übergriffe auf Kinder bieten könnten. Nicht einmal ein Drittel der Vereine hat eine solche Checkliste erstellt. Aber auch auf einen konkreten Verdachtsfall sind die Sportvereine schlecht vorbereitet: „Nur 18 Prozent haben sich Gedanken über das richtige Vorgehen für den Fall gemacht, dass ein Verdacht geäußert wird“, kritisiert Rörig. „Es ist aber sehr wichtig, dass dann die richtigen Schritte unternommen werden und dem betroffenen Kind nicht noch zusätzlich Schaden zugefügt wird.“

Auch weitere Befunde sind bedenklich: Gerade einmal jeder dritte Verein hat einen Verhaltenskodex für Trainer entwickelt oder eine Vertrauensperson für Missbrauchsfragen berufen. Und das, obwohl der Bundesbeauftragte mit dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) und der Deutschen Sportjugend (DSJ) als Dachverbände schon im April 2012 gemeinsam einen Leitfaden für die Sportvereine vereinbart hatte. „Wir müssen davon ausgehen, dass potenzielle Täter wie bereits auffällig gewordene Pädosexuelle gezielt Sportvereine aufsuchen, um an Kinder heranzukommen“, warnt Rörig. „Deshalb braucht jeder Verein klare Regeln. Es muss klar sein, dass ein Erwachsener in den Umkleiden und Duschen der Kinder nichts verloren hat.“ Wenn er aber doch reingehe, vielleicht um eine Prügelei zu stoppen, müsse der Trainer dies später dem Vereinsvorstand melden.