Gespräche

Wie Deutsche in Genf die Fäden ziehen

Außenminister zu Atomverhandlungen eingetroffen. Joschka Fischers Ex-Büroleiterin ist eine Schlüsselfigur

Es kommt in diesen Tagen nur selten vor, dass westliche und russische Spitzendiplomaten in Brüssel die gleiche Meinung haben. Aber manchmal passiert es eben doch: „Helga Schmid is excellent“, sagen sie dann in einem Ton, der jeden Zweifel sofort erstickt. Die Herren in dunklen Anzügen meinen Helga Maria Schmid, 53, aus Dachau, eine deutsche Spitzendiplomatin, langjährige Büroleiterin von Außenminister Joschka Fischer (Grüne) in Berlin, heute stellvertretende Generalsekretärin im Auswärtigen Dienst der EU und rechte Hand der EU-Außenbeauftragten Catherine Ashton.

Vor allem aber ist Schmid eine der Schlüsselfiguren im Hintergrund bei den Atomverhandlungen mit dem Iran in Genf. In den Verhandlungen über das iranische Atomprogramm gibt es erneut Hoffnung auf einen historischen Durchbruch. Die Außenminister der fünf UN-Vetomächte und Deutschlands reisten am Sonnabend ins schweizerische Genf, um persönlich an den Gesprächen teilzunehmen. Guido Westerwelle (FDP) sagte nach seiner Ankunft, es gebe eine „realistische Chance“ für eine Einigung, aber noch eine Menge Arbeit zu tun. Der Außenminister des Iran, Mohammed Dschawad Sarif, dämpfte aber die Erwartungen und wies „überzogene Forderungen“ des Westens zurück. Ein wichtiger Streitpunkt bleibt seinen Angaben zufolge die Urananreicherung. Sein Land habe das Recht, für zivile Zwecke Uran anzureichern.

Jedenfalls laufen bei Schmid viele kleine Fäden von allen Seiten zusammen. Sie bereitet für Baroness Ashton, Chefunterhändlerin der Sechsergruppe (fünf UN-Vetomächte plus Deutschland), die Gespräche bis in das kleinste Detail vor. Sie prüft Verhandlungsoptionen und entwirft Exit-Strategien, sie führt die entscheidenden Gespräche mit den Strippenziehern im Hintergrund wie mit dem iranischen Vizeaußenminister Abbas Araghchi. Und sie koordiniert die Positionen unter den Chefberatern, also den Politischen Direktoren der Sechsergruppe. Das ist Millimeterarbeit. Aber die meisten von ihnen kennen Schmid seit Jahren, oder sie kennen jemanden, der die Deutsche kennt und Gutes über sie berichtet.

Schmid ist seit mehr als zehn Jahren nahezu wöchentlich im Nahen Osten unterwegs, sie pflegt seit Langem enge Kontakte tief hinein in die Verästelungen des russischen Außenministeriums. Sie besitzt, was das größte Kapital eines Diplomaten ist: Vertrauen auf allen Seiten. Und das ist besonders wichtig bei so komplexen und höchst schwierigen Gesprächen wie mit den Iranern. Schmid schläft seit Tagen wenig, nur ein paar Stunden in der Nacht. Damit kommt sie gut klar, sie kennt das aus unzähligen Verhandlungen. Seit Dienstag ist sie in Genf. Seitdem hat ihr Leben nur einen Rhythmus: reden, SMS schreiben, schlafen. Kein Spaziergang, kein Durchatmen. Schmid kennt sich jetzt aus mit der Anreicherung der verschiedenen Konzentrationsgrade von Uran, mit der Installation von Zentrifugen und den Besonderheiten des Schwerwasserreaktors im iranischen Arak. Aber letztlich geht es für sie nur um eine Frage, die alles entscheidende Frage für die sechs Weltmächte: Wie lässt sich per Vertrag so wasserdicht wie möglich garantieren, dass Teheran keine Atombombe baut?

Schmid ist eine Mischung aus Klugheit, Härte und Charme – das macht sie zum Eisbrecher in der steifen Welt der Diplomatie. Ihre Verhandlungspartner sind in der Regel ältere Herren, die es gewohnt sind, mit anderen älteren Herren zu verhandeln. Wie auch dieses Mal in Genf. Schmid sagt: „Frauen sind die besseren Verhandler, weil sie gelernt haben, sich aus einer vermeintlichen Position der Schwäche aus durchzusetzen.“

Bevor sie Fischers Büroleiterin wurde, arbeitete sie für den damaligen Außenminister Klaus Kinkel (FDP). 2006 ging sie nach Brüssel und leitete dort die Policy Unit, die strategische Schaltzentrale der Außen- und Sicherheitspolitik. Ein Durchbruch bei den Atomverhandlungen in Genf an diesem Wochenende wäre ein großer Erfolg für die Weltgemeinschaft. Ashton und Schmid wären dann schon längst wieder in Brüssel. Aber sie hätten großen Anteil an diesem Erfolg.