Bericht

„Ich werde nicht im Müll nach Essen suchen“

Die Selbstmordrate in Griechenland ist seit dem Beginn der Wirtschaftskrise und der Sparpolitik um 45 Prozent gestiegen

Er sprach darüber bereits seit einiger Zeit. Mit seiner Mutter, mit der der 55-Jährige in einer kleinen Wohnung in einem Athener Vorort lebte, mit seiner Schwester und seiner Nichte Xenia. Und dann machte er seine Andeutungen wahr und beendete sein Leben. In den Boomjahren nach der demokratischen Wende und nach dem EU-Beitritt Griechenlands lebte Dimitri gut. Doch mit der Wirtschaftskrise im Jahr 2008 brachen dem selbstständigen Computeringenieur die Aufträge weg. Die Ersparnisse schwanden, irgendwann endete auch die Arbeitslosenhilfe, und er lebte plötzlich von dem bisschen Rente, das seine Mutter mit ihm teilte.

„Er war ein stiller Mensch, fluchte noch nicht mal“, sagt Xenia. Mit seiner Isolation wuchs das Schweigen. Wenn Xenia und ihre Mutter ihn besuchten, redete er kaum noch. Im November vor zwei Jahren fand ihn seine Mutter erhängt in der Wohnung. Dimitri ist ein Beispiel von vielen, denen Wirtschaftskrise und Sparpolitik in Griechenland alle Hoffnung nahm. Selbst der Internationale Währungsfonds, der für Ausgabenkürzungen eintritt, gab kürzlich in einem Bericht zu, dass die Sparpolitik zu drastisch war – auch wenn Griechenland ohne diese Maßnahmen bankrott und die soziale Lage erheblich schlimmer wäre.

Höchste Zahl seit 50 Jahren

Aris Violatzis von Klimaka spricht von einem Notstand. Seit 2007 betreibt die Organisation eine Suizid-Notfallhotline und ein Netzwerk aus Psychologen und Sozialarbeitern. Laut Klimaka ist die Suizidrate seit Beginn der Krise um 45 Prozent gestiegen. 2011 war das Jahr mit den meisten Selbstmorden in Griechenland, seit die Zahlen vor 50 Jahren erstmals erfasst wurden. Inoffizielle Daten deuten auf einen weiteren Anstieg hin. „Wenn Menschen ihre Arbeit verlieren, verlieren sie ihre Identität“, sagt Violatzis. „Sie glauben, den Ansprüchen der Gesellschaft nicht mehr genügen zu können.“ Laut einer europäischen Studie führt ein Prozent mehr Arbeitslosigkeit zu 0,79 Prozent mehr Selbstmorden. Steigt die Arbeitslosigkeit um drei Prozent, bringen sich 4,45 Prozent mehr Menschen um. In Griechenland steht die Arbeitslosigkeit jetzt bei fast 28 Prozent.

Je mehr die Arbeitslosigkeit steigt, desto drängender wird das Problem. Die Tatsache, dass auf jeden Suizid 20 bis 30 versuchte Suizide kommen, lässt erahnen, wie groß die Verzweiflung im Land ist. „Die Menschen wollen den Schmerz töten, nicht sich selbst“, sagt Violatzis.

Am Morgen des 4. April 2012 rückte das Problem mit einem Schlag ins öffentliche Bewusstsein. Der Syntagma-Platz vor dem griechischen Parlament war wie jeden Tag voller Menschen. In den vergangenen Monaten protestierten hier wiederholt Zehntausende gegen die Sparpolitik der Regierung. Kurz zuvor hatte sie die Renten um bis zu 60 Prozent gekürzt. An jenem Tag hängte der pensionierte Apotheker Dimitris Christoulas, 77, seinen Abschiedsbrief an einen Baum auf dem Syntagma-Platz.

Darin stand: „35 Jahre habe ich in die Rentenkasse eingezahlt. Jetzt bleibt mir nur noch eine Möglichkeit, würdevoll aus diesem Leben zu scheiden. Ich werde nicht in Mülleimern nach Essen suchen, um zu überleben.“ Dann nahm er eine Pistole und schoss sich in den Kopf. Hunderte Menschen versammelten sich noch am selben Tag auf dem Platz. Am Abend kam es zu Protesten. Medienrecherchen zeigten, dass die Suizidrate höher ist als offiziell angegeben. Polizisten und Ärzte verschleiern die Umstände. Auch im Fall von Dimitri. „Der Arzt im Krankenhaus schrieb, dass er an einer Lungenentzündung gestorben sei“, sagt seine Nichte Xenia.

Selbst falls die Wirtschaftskrise in den nächsten Jahren überwunden wird, bleibe das Problem bestehen, sagt Klimaka-Mitarbeiter Violatzis. Menschen, die versucht haben, sich umzubringen oder bei denen es einen Suizid in der Familie gab, haben eine wesentlich höhere Wahrscheinlichkeit, sich in einer Notsituation ebenfalls umzubringen. Die Hemmschwelle, sich selbst Gewalt anzutun, sinkt. „Es ist wie mit den Kriegsveteranen des Zweiten Weltkriegs. Der Krieg war vorbei, doch die Gewalt, Traumata und Suizide bleiben“, sagt Violatzis.