Kommentar

Auch Männer müssen mithelfen

Flora Wisdorff über die Zeit nach der Elternzeit und Lösungen beim Fachkräftemangel

D er Fachkräftemangel bedroht Deutschland, und da sind Frauen der größte Schatz, den Arbeitgeber heben können. Frauen, die hier ausgebildet wurden, sind leichter zu integrieren als Zuwanderer, und meistens sind ihre Fachkenntnisse solide genug, um Anschluss zu finden. Potenzial findet sich vor allem in der sogenannten stillen Reserve, also unter den Frauen, die gar nicht arbeitslos gemeldet sind und durchaus arbeitsfähig wären – wenn sie denn wollten. Das ist der Unterschied zu früher: Längst studieren genauso viele Frauen wie Männer, sie spezialisieren sich genauso, verwenden genauso viel Energie und Fleiß darauf. Doch dann verschwinden sie vom Arbeitsmarkt. So war es in der Generation der heute 40- bis 55-Jährigen in Westdeutschland üblich, eine Ausbildung oder ein Studium zu absolvieren – um zu Hause zu bleiben, wenn das erste Kind kam. Diesen Frauen müssen die Unternehmen den Eintritt in die Arbeitswelt schmackhaft machen.

Wie? Indem die Arbeitgeber auf die Frauen zugehen, indem sie ihnen Aus- und Weiterbildungen in Teilzeit anbieten. Und sich an ihre familiäre Situation anpassen. Das sind nur erste Schritte auf dem Weg zu dem großen Paradigmenwechsel, der sich in den kommenden Jahren vollziehen muss, wenn die deutschen Unternehmen wettbewerbsfähig bleiben wollen. Der zentrale Punkt in diesem Wandel: Nicht allein der Arbeitgeber sollte das Arbeitszeitregime bestimmen. Wer mehr Frauen rekrutieren will, kommt nicht umhin, familienfreundliche Arbeitszeitmodelle anzubieten. Selbst wenn Ganztagsschulen und Kitas zur Verfügung stehen, brauchen Familien Zeit füreinander und für die Organisation des Alltags. „Ihr verfügt über eure Zeit“ – nur so können Arbeitgeber Frauen auf den Arbeitsmarkt locken, es ist ihre einzige Chance. Und eine riesige Chance für die Gesellschaft.

Allerdings: Viele Frauen gehen nur in den Arbeitsmarkt, wenn ihre Männer zu Hause mehr mithelfen. Karriere muss deshalb auch möglich sein, wenn jemand wegen der Familie etwas kürzertritt – für ihn und für sie, und warum nicht auch für beide? Zu lange schon gilt die 40-plus-Stundenwoche als einziger Weg, sich im Job zu behaupten.

Wer dem Fachkräftemangel abhelfen will, muss umdenken. Dazu gehört, dass Chefs auch ihren männlichen Mitarbeitern familienfreundliche Arbeitszeiten genehmigen. Und dass die Väter diese einfordern.