Tagung

Gabriels Gratwanderung

Der SPD-Vorsitzende übt sich vor den Parteitagsdelegierten in Selbstkritik – Kaum Beifall

Sie bleiben sitzen, stehen nicht auf. Sie jubeln nicht. Sie halten ihren Applaus bescheiden. Eineinhalb Stunden haben die rund 600 Delegierten zuvor die Rede Sigmar Gabriels verfolgt. Nachdem der SPD-Vorsitzende seine Schlussworte gesprochen hat, verlässt er fast fluchtartig das Rednerpult, eilt die paar Meter zu seinem Platz auf der Bühne. Nur zweimal erhebt er sich, während der allenfalls freundliche Beifall zu vernehmen ist. Ein, zwei Sekunden winkt Gabriel ins Plenum. Das war’s.

Nicht so kämpferisch

„Nicht so kämpferisch“ werde seine Rede ausfallen, hatte Gabriel gleich zu Beginn seines Auftritts angekündigt. Wer Gabriel kennt, weiß, wie schwer ihm eine solch verbale Zurückhaltung fällt. Zumal für den seit vier Jahren amtierenden Parteichef in diesen Tagen und Wochen so viel auf dem Spiel steht, wie vielleicht noch nie in seinem politischen Leben. Der Parteitag in Leipzig kommt zu einer unpassenden Zeit, er fällt in eine Art politisches Vakuum: Die Koalitionsverhandlungen laufen, wenig ist bisher vereinbart worden – und doch muss Gabriel für dieses Vernunftbündnis werben. Er kann aber ebenso wenig die Delegierten verprellen, einige Stunden nach seiner Rede kandidiert er ja für weitere zwei Jahre an der Spitze der SPD.

Auf eine Gratwanderung zwischen Selbstkritik und Selbstbewusstsein also begibt sich Gabriel vor seiner Partei in der großen Halle der Leipziger Messe. Hier war die SPD zuletzt im Frühling 1998 zusammengekommen, sie feierte damals einen Kanzlerkandidaten namens Gerhard Schröder. „Die Kraft des Neuen“ – dieses Motto prangte vor 15 Jahren an der Stirnwand der Halle. Heute ist in großen Lettern nur das Motto „SPD-Bundesparteitag Leipzig 2013“ zu lesen. Nicht einmal eine Parole trauen sich die Sozialdemokraten derzeit zu. Griffige Formel? Fehlanzeige.

„Es gibt nichts zu beschönigen“, sagt Gabriel über das Ergebnis der Wahl. Etwas verschnupft klingt Gabriel dabei, rein physisch natürlich, er schnäuzt sich die Nase, bekennt: „Die politische Gesamtverantwortung für unser Wahlergebnis trägt immer der Vorsitzende.“ Kurz zuvor schon übernahm allerdings der gescheiterte Kanzlerkandidat Peer Steinbrück die Verantwortung für das Debakel vom 22. September. Offen gelte es über die Niederlage zu sprechen, sagt Gabriel – und mutet seiner Partei allerhand zu. Es ist der erste, sehr ausführliche Teil seiner Rede, erst später geht er auf die große Koalition – pardon: die mögliche große Koalition – ein. Den „schnellen Erklärungen“ für die Niederlage gelte es zu misstrauen, sagt Gabriel. Weder der Kanzlerkandidat noch die Nachwirkungen der Agenda 2010 könnten als Gründe herhalten. „Die Deutschen wählten Stabilität und Sicherheit“, sagt Gabriel, und dies sei „Angela Merkel zugetraut“ worden und „weniger uns“.

Der Vorsitzende macht es seiner Partei nicht leicht, Gabriel hält eine Rede, die alles andere ist als opportunistisch. Dabei wäre es so leicht gewesen, gegen Schwarz-Gelb zu poltern oder mit kleinen Giftpfeilen auf Merkel zu zielen. Dafür gäbe es billigen Beifall in der Leipziger Messe. Gabriel, der doch so gern geliebt werden will, verzichtet konsequent darauf. Stattdessen wirbt er für jenes Regieren mit der Union, das hier im Saal so unbeliebt ist. Willy Brandt zu zitieren, was Gabriel gleich viermal tut, das kann Brücken bauen. Kompromisse seien das Wesen der Politik, leitet der Verantwortungsethiker Gabriel sein Plädoyer ein: „Die SPD darf nicht zu einer Partei werden, die aus Angst vor den Mühen der Arbeit in einer ungeliebten Koalition die Chance verpasst, im realen Leben für Andere Dinge besser zu machen.“

Aber: Außer mit rechtsextremen Parteien will die SPD künftig keine Koalitionen mehr ausschließen. Jenseits parlamentarischer Mehrheiten plädiert Gabriel für „gesellschaftliche Reformbündnisse“. Schnell haspelt er herunter: „Natürlich auch mit undogmatischen Linken innerhalb und außerhalb anderer progressiver Parteien in Deutschland und Europa.“ Gabriel legt eine Kunstpause ein. Und fügt hinzu: „Ja, auch mit der Linkspartei. Aber Vorsicht: Machen wir uns keine Illusionen.“ Schon in der Vergangenheit habe es immer wieder rot-rote Gespräche gegeben – stets mit dem Ergebnis, dass man keine Regierung bilden könne. Der Schlüssel für eine Koalition liege „nicht im Willy-Brandt-Haus, sondern in dem Haus, das den Namen Karl Liebknechts trägt“.

Gabriel wird in den kommenden Jahren öfter mal schauen, wie es denn so bestellt ist, um den Schlüssel im Liebknecht-Haus. Er will das tun als SPD-Vorsitzender, Minister und Vizekanzler – neben einer Kanzlerin Merkel. An der Unterstützung der Delegierten soll es nicht scheiterten: 83,6 Prozent wählen ihn am Ende dieses Tages erneut zum Parteichef.