Befragung

Jedes zweite Kind findet das Leben ungerecht

Neue Studie: Die soziale Herkunft wiegt schwer

Was ist Gerechtigkeit? „Dass man miteinander teilt und nicht jemanden einfach so stehen lässt“, antwortet eine Siebenjährige und ein Zehnjähriger: „Dass jeder gleichbehandelt wird und die gleichen Möglichkeiten hat.“ Insgesamt 2500 Kinder zwischen sechs und elf Jahren wurden in Deutschland für eine Studie der Kinderhilfsorganisation World Vision mit dem Schwerpunkt Gerechtigkeit befragt. Das Fazit: Nur jedes zweite findet, dass es in Deutschland insgesamt gerecht zugeht.

In Deutschland würden vor allem ärmere Menschen ungerecht behandelt, sagt mehr als die Hälfte der Kinder. 40 Prozent gaben an, dass dies auch Menschen ausländischer Herkunft betreffe. In der Familie und unter Freunden fühlen sich hingegen 90 Prozent der Kinder grundsätzlich gerecht behandelt, in der Schule etwa 80 Prozent.

Auch zeigte sich: Ärmere Kinder sind mit ihrem Leben deutlich unzufriedener als Altersgenossen aus höheren sozialen Schichten. Während aus Ober- und Mittelschicht etwa 90 Prozent der Sechs- bis Elfjährigen rundum zufrieden sind und sich auch von Eltern und Lehrern gut unterstützt fühlen, äußern sich knapp 30 Prozent der Kinder aus einfachen Verhältnissen dazu negativ oder bestenfalls neutral. Fast jedes dritte Kind wächst laut Studie in Familien auf, in denen nur ein Elternteil arbeitet. Zwölf Prozent der Kinder leben bei einem alleinerziehenden Elternteil, der auch in Vollzeit arbeitet. Diese Kinder und Kinder von arbeitslosen Eltern beklagen sich demnach am häufigsten, dass ihre Eltern zu wenig Zeit hätten. Fast jedes dritte Kind vermisst hier Zuwendung. Am wenigsten beklagen sich Kinder, bei denen Mutter und Vater arbeiten, über den Zeitmangel ihrer Eltern (acht Prozent).

„Es ist wieder mal erstaunlich, mit welcher Klarheit Kinder ihre Umwelt und ihre Mitmenschen betrachten und bewerten“, sagte die Kindheitsforscherin Sabine Andresen, die die Studie zusammen mit dem Sozialwissenschaftler Klaus Hurrelmann leitete. „Betrüblich ist, dass sich in Bezug auf benachteiligte Kinder wenig getan hat.“ So haben Kinder aus benachteiligten sozialen Schichten auch die geringsten Selbstbestimmungsmöglichkeiten im Alltag. Während insgesamt 90 Prozent der Kinder – abhängig vom Alter – selbst entscheiden, mit welchen Freunden sie sich treffen, dürfen dies nur drei von vier Kindern aus einfachen Verhältnissen. Auch in Bezug auf das Freizeitverhalten zeigen sich Unterschiede, zum Beispiel beim Medienkonsum. So sitzen Jungen etwa dreimal so häufig vor dem Computer oder Fernseher als Mädchen. In den vergangenen sechs Jahren ist der Fernsehkonsum bei den Sechs- bis Elfjährigen allerdings leicht gesunken: Während 2007 noch 56 Prozent angaben, sehr oft fernzusehen, waren das 2013 noch 49 Prozent.

„Im Ergebnis muss davon ausgegangen werden, dass auch weiterhin etwa ein Fünftel der Kinder in ihren Entwicklungsmöglichkeiten maßgeblich aufgrund ihrer sozialen Herkunft eingeschränkt sind“, schließen die Forscher.