Führungswechsel

New York hat genug vom Moralapostel

Michael Bloomberg darf nicht wieder zur Bürgermeisterwahl antreten. Aber selbst wenn: Er würde recht sicher verlieren

Wer New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg dieser Tage fragt, was er nach der Vereidigung seines Nachfolgers am 1. Januar 2014 machen werde, bekommt von dem selbst erklärten Workaholic eine überraschende Antwort. „Ich werde erst einmal mit meiner Freundin für zwei Wochen nach Hawaii und Neuseeland in den Urlaub fahren. Das haben wir wirklich schon lange nicht mehr gemacht.“

Seit zwölf Jahren hat sich Michael Rubens Bloomberg keine Ferien mehr gegönnt. In dieser Zeit hat der heute 71-Jährige als Stadtoberhaupt New York regiert. Und das, wie er behauptet, 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Selbst auf den von den Medien meist unbemerkten Wochenendtrips per Privatjet in sein Sommerhaus auf den Bermudas will „Mister Mayor“ für die Stadt gearbeitet haben. „Ich habe immer versucht, morgens der Erste im Büro zu sein und abends der Letzte“, sagte der studierte Ingenieur Bloomberg im August in seiner wöchentlichen Radiobotschaft. Selbst Mittagessen oder Toilettenpausen bezeichnete er als „verlorene Zeit“, die jeder „auf ein Minimum reduzieren“ sollte. Eine Arbeitsethik, die der Gründer und Mehrheitseigentümer des Wirtschaftsdienstes Bloomberg LP, mit 15.000 Mitarbeitern an weltweit 192 Standorten, offenbar auch von seinen Mitbürgern forderte. Bloomberg, der New York wie kaum ein anderer Bürgermeister verändert hat, regierte dabei nie wie ein Politiker, sondern wie ein Manager. Seine drei Wahlkämpfe finanzierte er mit 250 Millionen Dollar selbst. Er konnte es sich leisten. Bloomberg, der behauptet, nur zwei Paar Arbeitsschuhe zu besitzen, der für ein symbolisches Gehalt von einem Dollar im Jahr den Chefposten im Rathaus übernommen hatte, liegt mit einem Vermögen von 31 Milliarden Dollar in der „Forbes“-Liste der reichsten Menschen der Welt auf Platz 13.

„New York geht es besser denn je“, lobt sich Bloomberg gern selbst, wenn er eine Bilanz ziehen soll. Die Kriminalitätsrate ist auf ein Rekordtief gefallen, Tourismus und Wirtschaft boomen, der Stadthaushalt ist ausgeglichen, und die Lebensqualität der Stadt ist spürbar gestiegen. Einziger Makel: Ein Fünftel der New Yorker lebt unterhalb der Armutsgrenze. Eine Zahl, die unter Bloomberg gestiegen ist. Erfolge hat Bloomberg vor allem als „Grüner“ vorzuweisen. Er hat neue Parks eröffnet, Hunderte Kilometer Radwege bauen lassen und verkehrsberuhigte Zonen eingeführt. Und das in einer Stadt, die in Dauerstaus zu ersticken drohte. Heute können sich New Yorker und die jährlich 53 Millionen Touristen selbst am Times Square auf Bänken und Stühlen erholen. Die gewonnene Lebensqualität hatte aber ihren Preis. Die Mieten und Wohnungspreise sind nicht nur in Manhattan, sondern auch in Brooklyn explodiert und für die Mittelschicht kaum noch zu bezahlen. Kritiker geben Bloomberg die Schuld an dieser Entwicklung.

Das ist jedoch nicht der größte Vorwurf an Bloomberg, der im Januar 2002 und damit nur drei Monate nach dem Terroranschlag vom 11. September in die City Hall nahe Ground Zero eingezogen war. Vom ersten Arbeitstag an versuchte sich der zum Republikaner gewandelte Demokrat – im Jahr 2007 erklärte er sich für parteiunabhängig – in das Privatleben der New Yorker einzumischen.

Allem, was die Bürger krank oder dick machen könnte, erklärte Bloomberg den Krieg: Zigaretten, Alkohol, Limonaden, ungesättigte Fettsäuren, Zucker, Salz. Dass er sich damit viele Feinde machte, störte den Querdenker nicht. „Viele Politiker haben Angst vor kontroversen Initiativen. Ich hatte sie nie“, sagte er in einem „Time“-Interview trotzig. Begonnen hatte er seinen Gesundheitsfeldzug 2002 mit seinem Gesetz zur „rauchfreien Luft“. Er erließ die strengsten Anti-Raucher-Gesetze des Landes und verbot Tabakqualm in Büros, Restaurants und Bars. Seine Gegner tobten und verspotteten Bloomberg daraufhin als „Amerikas obersten Babysitter“.

Mittlerweile sind 27 Bundesstaaten der Initiative gefolgt – und mehr als 3500 Städte. Bloomberg, der sich bundesweit auch für strengere Waffengesetze einsetzte, macht das stolz. Als eine Art „Bürgermeister der Welt“ („Time“) will er nach seinem Golfurlaub den ganzen Globus vom Tabakqualm befreien. „In New York ist in den vergangenen zwölf Jahren die Lebenserwartung um 3,8 auf durchschnittlich 80,9 Jahre gestiegen“, sagt Bloomberg und verkneift sich dabei ausnahmsweise den Zusatz „durch mich“. Der Anteil der Raucher fiel dabei mit 15,9 Prozent auf ein Rekordtief.

Doch das Rauchverbot war erst der Anfang. Der 1,73 Meter große und nur 64 Kilogramm leichte Bloomberg wollte, dass seine Untertanen so schlank werden wie er. Im Kampf gegen die Fettsucht verdonnerte er Restaurantketten, die Kalorien ihrer Produkte zu veröffentlichen, und startete Initiativen gegen hohen Salz- und Zuckerkonsum. Als er auch gesüßte Getränke in Bechern verbieten wollte, die mehr als umgerechnet einen knappen halben Liter fassen, hatten jedoch die Gerichte genug und stoppten das geplante Gesetz.

Es war nicht die einzige Niederlage, die Bloomberg hinnehmen musste. Auch seine umstrittene Initiative „Stop and Frisk“, die Polizisten erlaubte, ohne Verdacht Personen zu überprüfen und zu durchsuchen, kippte ein Richter in der vergangenen Woche. Solche Niederlagen gingen auch an Bloomberg nicht spurlos vorbei. Während er in seinen besten Zeiten mit 70 Prozent Zustimmung für seine Politik glänzen konnte, haben die New Yorker heute genug von ihm. Nur noch 45 Prozent sind mit seiner Arbeit zufrieden, und 66 Prozent hoffen bei der Wahl am heutigen Dienstag auf einen Politikwechsel.

Die Stimmung gezielt ausgenutzt

Der Demokrat Bill de Blasio hat diese Stimmung gezielt ausgenutzt und mit dem Slogan einer in Arm und Reich geteilten Stadt erfolgreich einen Anti-Bloomberg-Wahlkampf geführt. Er dürfte der 109. Bürgermeister der Stadt werden. Nach einer aktuellen Umfrage führt de Blasio mit 68 zu 23 Prozent vor dem Republikaner und Investmentbanker Joe Lhota. Bloomberg darf nicht noch einmal antreten. Der Kontrast zwischen Bloomberg und de Blasio könnte dabei kaum größer sein. Der schlaksige, 1,96 Meter große Demokrat unterscheidet sich von seinem Vorgänger nicht nur durch die Körpergröße. De Blasio hat Politikwissenschaft und Internationale Beziehungen studiert und mit Finanzen bisher weniger zu tun gehabt. Er ist mit der schwarzen Schriftstellerin Chirlane McCray verheiratet. Mit ihren beiden Kindern, die auf öffentliche Schulen gehen, leben sie nicht in einem 45 Millionen teuren Townhaus an der noblen Upper East Side der Stadt wie Bloomberg, sondern eher bescheiden in Brooklyn.

Auch politisch liegen Welten zwischen den beiden. Während der Berufspolitiker de Blasio mit einer Extrasteuer die besser verdienenden Einwohner der Stadt zur Kasse bitten will, um das Sozialsystem auszubauen, hatte der Manager Bloomberg die Wall Street mit Sonderabgaben immer verschont. Bis heute hat Bloomberg aufgrund dieser Unterschiede de Blasio die Unterstützung verweigert. Als Dante, der durch seine Afro-Frisur bekannte 15 Jahre alte Sohn von de Blasio, in einem Wahlkampf-Clip Bloomberg auch noch für seine „Stop and Frisk“-Initiative frontal angriff, platzte dem Gescholtenen endgültig der Kragen. Bloomberg, der New York mit seiner unaufgeregten und souveränen Art selbst durch Hurrikan „Sandy“ gebracht hatte, beschimpfte de Blasios Wahlkampf als „rassistisch“ und „reinen Klassenkampf“. Seitdem herrscht zwischen den beiden Funkstille – vermutlich bis zur Vereidigung de Blasios am 1. Januar 2014.