Comeback

Zweite Chance für Merkels Klügsten

Ex-Umweltminister Norbert Röttgen soll Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses werden

Norbert Röttgen ist nicht nur ein regelmäßiger Kirchgänger, sondern auch ein belesener Mann. In diesen Tagen dürfte ihm das Lukasevangelium in den Sinn kommen. Dort heißt es in Kapitel 15, im Gleichnis des verlorenen Sohnes: „Denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden; er war verloren und ist gefunden worden.“

Tatsächlich steht der 48-jährige Rheinländer, der lange als das größte christdemokratische Talent seine Generation galt, nur ein Jahr nach seinem Rauswurf als Umweltminister vor der politischen Auferstehung: Röttgen soll künftig den prestigereichen Auswärtigen Ausschuss des Bundestages leiten. Diese faustdicke Überraschung bestätigen Partei- und Fraktionskreise. Die Initiative ging dabei von Peter Hintze aus. Der stellvertretende Bundestagspräsident ist nicht nur der einflussreichste Strippenzieher in der Unionsfraktion, sondern auch Vorsitzender der nordrhein-westfälischen CDU-Landesgruppe. Sie hat – nach den informellen Kungel-Regeln – das Vorschlagsrecht für den Vorsitz des Auswärtigen Ausschusses, weil ihr auch der bisherige Vorsitzende Ruprecht Polenz angehörte, der aus dem Bundestag ausgeschieden ist. Hintze hatte Röttgens Karriere lange gefördert, sich aber zuletzt von ihm hintergangen gefühlt. Großzügig zeigte sich auch Volker Kauder: Der Fraktionsvorsitzende hatte Röttgen einst zu seinem Parlamentarischen Geschäftsführer gemacht und ihm zahlreiche Freiheiten gewählt. Zum „Dank“ versuchte Röttgen Kauder zu stürzen, was der ihm lange nachtrug. Die dritte – und wichtigste – ist die Kanzlerin. Angela Merkel machte den Wirtschaftspolitiker Röttgen 2009 überraschend zu ihrem Umweltminister. Doch auch sie fühlte sich hintergangen, als Röttgen 2012 als Spitzenkandidat bei der NRW-Landtagswahl nicht bereit war, auch als Oppositionsführer in die Provinz zu wechseln. Nach der Wahlniederlage weigerte sich Röttgen, als Umweltminister zurückzutreten. Merkel, die ihm nicht mehr zutraute, die verfahrene Energiewende umzusetzen, entließ ihn daraufhin – ein unerhörter Vorgang.

Aber augenscheinlich vergeben. In der vergangenen Woche besprachen Merkel, Kauder und Hintze dem Vernehmen nach die Personalie Röttgen und entschieden, sein Comeback möglich zu machen. Nach seinem Ausscheiden als Minister war er bereits in den Auswärtigen Ausschuss gewechselt. Bei der Bundestagswahl am 22. September hatte er sein Direktmandat im Rhein-Sieg-Kreis eindrucksvoll wiedergewonnen.