Kirche

Der Papst fragt seine Gläubigen

Empfängnisverhütung, Scheidung, Homo-Ehe: Mit einer weltweiten Untersuchung will der Vatikan herausfinden, was das Kirchenvolk will

Ein kleiner Junge wurde in dieser Woche weltbekannt, als er die Stufen zum Papst am Petersdom hinaufstieg, Franziskus während einer Feier umarmte und an seiner Kette mit Silberkreuz zupfte. Franziskus ließ sich nicht aus der Ruhe bringen, strich dem Knaben über den Kopf und lachte: Schließlich handelte sich doch um ein Kind, und denen ist alles erlaubt – die Familie ist heilig.

Dass die Familie längst nicht mehr so heil ist, wie die Kirche es gern hätte, weiß Franziskus. Und wie inzwischen von ihm gewohnt, griff er zu einem für einen Papst unkonventionellen Mittel: Er macht eine Umfrage zum Thema, die ihm helfen soll zu erfahren, wie es wirklich um die Familien und ihre Probleme steht. Der Vatikan hat den Fragebogen Mitte Oktober in alle Bistümer verschickt. Der 31. Dezember ist Einsendeschluss für die Fragebögen im Vatikan.

Darin geht es um die strittigsten Probleme: Scheidung, gleichgeschlechtliche Ehen, Geburtenkontrolle, christliche Erziehung. Die Antworten sollen vor allem helfen, eine Bischofskonferenz zum Thema Familie vorzubereiten, die der Papst für Herbst 2014 plant. Hauptanliegen der Synode werden die radikalen Veränderungen und der Bedeutungsverlust der Familie sein. Einzelheiten dürften in der kommenden Woche bekannt werden.

Dass die katholische Kirche und Papst Franziskus sich um die Zukunft der Institutionen Ehe und Familie sorgen, geht aus dem Begleitschreiben hervor, mit dem der Generalsekretär der Bischofssynode, Bischof Lorenzo Baldesseri, den Fragebogen verschickt hat. Hier werden die Sorgen deutlich, „die bis vor wenige Jahren noch nicht bekannt waren“. Dazu gehören alleinerziehende Eltern, Polygamie, interreligiöse Ehen oder „Formen eines kirchenfeindlichen Feminismus“, um Leihmütter und „homosexuelle Paare, die nicht selten die Erlaubnis haben, Kinder zu adoptieren“.

Aufgeteilt ist der Fragebogen des Vatikans in neun Komplexe, in denen es um christliche Familienlehre, das Naturgesetz in der Ehe, um Annullierung der Ehe und Sakramente für Geschiedene geht, um gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften sowie um die Kindererziehung in solchen Familien, um das Verhältnis zu Geburtenkontrolle und zur christlichen Kindererziehung.

Die Fragen sind an den Klerus, aber auch an die Gläubigen gerichtet. Das bestätigte als erste die Sprecherin der amerikanischen Bischofskonferenz, Helen Osman, nach Erhalt der Umfrage. „Es ist die Aufgabe der Bischöfe zu entscheiden, wie die Informationen für Rom beschafft werden können“. In Großbritannien – so berichtet am Sonntag die italienische Zeitung „La Repubblica“ – hätten die Bischöfe den Fragebogen bereits online an Gläubige, Priester, Laien, Eltern und Ordensschwestern verschickt.

Dabei dürfte es den Geistlichen leichter fallen als den Familien, mit der Vatikan-Erhebung umzugehen. Der gestelzte Stil der Fragen macht das Antworten nicht immer leicht: Wenn es etwa um die „Idee vom Naturgesetz in der Union von Mann und Frau“ geht oder „welche Kenntnis Eltern heute von der Lehre der Humanae Vitae zur verantwortungsvollen Elternschaft“ haben. Hier dürfte es eigentlich um Themen wie Verhütung und künstliche Befruchtung gehen. Und es erscheint fern der Realität, wenn gefragt wird, wie im Fall gleichgeschlechtlicher Paare mit adoptiertem Nachwuchs „Seelsorge geleistet werden kann, um Glauben zu vermitteln“, wo doch weder das Paar noch die Adoption von der Kirche akzeptiert werden.

Die Umfrage zum Thema Familie ist allerdings noch keine Revolution. Franziskus hat in seinem kurzen Pontifikat keine Gelegenheit ausgelassen, Katholiken und Klerus in aller Welt zu überraschen. Er übt Volksnähe und Demokratie, wie kaum ein Pontifex vor ihm. Normalerweise werden Fragebögen in Vorbereitung auf Synoden verschickt. Der Papst verschafft sich auf diese Weise Informationen und macht sich ein Bild, wie es um ein Thema steht, mit dem sich die Synode befassen soll. „Er fragt sein Volk, was es wünscht“, erklärt der Journalist Aldo Maria Valli, ein angesehener Vatikanexperten. Als Jesuit wolle er den Themen auf den Grund gehen. Diesmal errege das mehr Aufsehen, „weil es um sehr strittige Argumente geht.“

Lockerung der Doktrin

Mit der Umfrage zu Familienthemen zeigt Franziskus einmal mehr, wie sehr ihm daran liegt, die Kirche nicht vatikan-zentrisch zu regieren, sondern unter Einbeziehung der Gemeinden und Gläubigen. Was nicht darüber hinwegtäuschen darf, dass Franziskus zwar kirchliche Hierarchien umbauen will, sonst aber religiöse Rigorosität fordert. Jüngst machte dies auch Hector Franceschi, Professor für kirchliches Eherecht an der Universität „Zum Heiligen Kreuz“ in Rom, klar. Es dürfe kein Zweifel daran bestehen, dass für die Kirche das Naturgesetz der christlichen Ehe unauflösbar sei, genau wie die Unmöglichkeit einer gleichgeschlechtlichen Ehe.

Franziskus selbst hat mehrfach betont: Die Kirche müsse mehr Hilfe leisten, um junge Menschen auf eine verantwortungsbewusste Lebensgemeinschaft vorzubereiten. Zu häufig würde die Ehe als „provisorisch“ angesehen. Gleichzeitig hat er erklärt, dass die Prozedur zur Annullierung von Ehen in der aktuellen Form nicht haltbar sei. Dennoch dürfte es unter Franziskus, so Valli, zu einer Lockerung der strengen Doktrin kommen. „Dieser Papst ist ein Mann, von dem wir eine Reform des Kirchenrechts in Bezug auf Ehe und Familie erwarten können“, sagte er. Franziskus stelle die moralischen Fragen in den Hintergrund, die im Pontifikat von Benedikt XVI. noch viel rigider gehandhabt worden seien. „Er ist ein Mann der Barmherzigkeit, des Evangeliums, das er ins Zentrum seines Pontifikats gestellt hat.“