Extremismus

Marine Le Pen und die verdächtigen Bärte

Rechtsextreme wundert sich über Aussehen von Geiseln

Möglicherweise hatte sich Marine Le Pen in der Nacht zuvor einfach zu viele „Homeland“-Folgen nacheinander reingezogen. Solche „Binge viewing“-Exzesse können den Betrachter ja bekanntlich in einen geistigen Grenzzustand versetzen. Als die Vorsitzende des Front National an diesem Donnerstagmorgen im Studio des Radiosenders Europe 1 saß, wirkte sie jedenfalls leicht umnachtet und überraschte mit einem höchst eigenwilligen Blick auf die im Niger entführten vier französischen Geiseln, die am vergangenen Dienstag von al-Qaida im Maghreb freigelassen worden waren.

Marine Le Pen, so sollte man ihre seltsamen Andeutungen wohl verstehen, stellte mal eben den Verdacht in den Raum, dass die Männer, die von den Terroristen mehr als tausend Tage lang festgehalten worden waren, von ihren Peinigern bei dieser Gelegenheit möglicherweise „umgedreht“ worden wären. Am Mittwoch wurden sie zur großen Erleichterung der Angehörigen wieder in ihrer Heimat empfangen. Doch irgendwie sahen die sichtlich gezeichneten für Marine Le Pens Geschmack bei ihrer Rückkehr nach Frankreich einfach zu islamisch aus: Zwei der vier hätten einen „erstaunlich gestutzten Bart“ zur Schau gestellt und seien „seltsam angezogen“ gewesen. Das habe ihr doch ein gewisses „Unbehagen“ bereitet.

Ganz so weit zu behaupten, die Geiseln seien in ihrer Gefangenschaft von ihren Schergen in Werkzeuge der Islamisten verwandelt worden, wie der Marine Sergeant Nicholas Brody in der amerikanischen Fernsehserie, ging Marine Le Pen dann allerdings nicht. „Ich werde dazu keine Theorien aufstellen“, sagte die Vorsitzende der Rechtsextremen.

Aber genau das ist ja das Gute an Verschwörungstheorien, man muss sie gar nicht ausformulieren, um sie in Umlauf zu bringen. „Frau Le Pen ist so blind vor Wut auf Muslime, dass sie die Freude der Nation nicht teilen kann“, wütete Eduardo Rihan Cypel, Sprecher der regierenden Sozialisten. Regierungssprecherin Najat Vallaud-Belkacem nannte Le Pens Äußerungen „unglaublich ungehörig“. Nachdem die Reaktionen auf diese Äußerungen also einigermaßen einheitlich verheerend ausfielen, tat Marine Le Pen etwas, das sie nur sehr selten tut: Sie ruderte zurück. Sie habe sich „ungeschickt“ ausgedrückt und wolle lediglich die „Instrumentalisierung“ der Entführungsopfer durch die Regierung beklagen. Nee, klar.