Geschichte

Kein Grab für den toten NS-Verbrecher

Italien will nicht Beisetzungsort von Erich Priebke sein. Sterbliche Überreste des Täters sollten anonym in Deutschland bestattet werden

Ein Toter, der sein Grab nicht findet, dessen Leichnam unerwünscht ist. Erich Priebke heißt der Mann, den hier in Deutschland nur noch wenige vom Namen her kennen, der aber in Italien jedem Kind ein Begriff ist. „Il boia“, der Henker, ist das Attribut, das ihm dort anhängt. Am vergangenen Freitag ist Erich Priebke im Alter von 100 Jahren in Rom gestorben. Und fünf Tage später ist noch immer unklar, wo er das finden wird, was man die letzte Ruhe nennt.

Erich Priebke wurde im Juli 1913 im brandenburgischen Hennigsdorf nahe Berlin geboren. Als er noch Kind war, starben die Eltern. Er ging ins Hotelfach und kam, für damalige Zeiten ungewohnt, viel in der Welt herum. Bis 1935 arbeitete er in verschiedenen Hotels in Europa. Als er 1936 nach Deutschland zurückkehrte, war er des Italienischen mächtig. So kam er, der 1933 der NSDAP beigetreten war, auf Empfehlung eines Vetters als Dolmetscher und Übersetzer für Italienisch im Presseamt der Geheimen Staatspolizei unter. Die Karriere verlief zügig. Er wurde auf Anweisung von Reinhard Heydrich nach Rom versetzt, wo er bis zum Rückzug der Deutschen Wehrmacht blieb.

Nachdem der faschistische Diktator Mussolini im Juli 1943 von den eigenen Leuten abgesetzt worden war, übernahm bald die Wehrmacht das Regiment in Italien. Es dauerte nicht lange, bis sich Partisanengruppen bildeten, die mit Anschlägen den Deutschen zusetzten. Am 23. März 1944 verübten Partisanen, die dem kommunistischen Flügel der Resistenza angehörten, in der Via Rasella mitten in der römischen Innenstadt einen Anschlag auf Soldaten des gerade vorbeimarschierenden SS-Polizeiregiments „Bozen“, dem hauptsächlich Südtiroler angehörten. 33 Soldaten und zwei Passanten kamen durch eine Bombe und eine präparierte Mörsergranate um.

Sofort machten sich die Deutschen an eine Vergeltungsaktion. Unter anderem der deutsche Stadtkommandant von Rom und der SS-Obersturmbannführer Herbert Kappler beschlossen, für jeden Getöteten zehn Geiseln, also 330 Menschen, zu erschießen. Kappler suchte die Opfer aus, alle Todeskandidaten, die in Roms Gefängnis Regina Coeli saßen, wurden ausgewählt. Da Kappler deren Zahl überschätzt hatte, mussten weitere Opfer gesucht werden, die teilweise von der Straße weg verhaftet wurden, darunter 75 jüdische Geiseln.

Die dem Tode Geweihten wurden zu den Fosse Ardeatine, den Ardeatinischen Höhlen, nahe der antiken Via Appia verbracht. Die Opfer wurden in Fünfergruppen in die Höhlen geführt, mussten sich dort niederknien und wurden mit Genickschuss getötet. Erich Priebke selbst hat nur wenige der Geiseln erschossen, möglicherweise zwei bis drei. Dennoch war Priebke die gesamten fünf Stunden über an der Aktion beteiligt: Er führte gewissenhaft Buch. Später hat er in Interviews oft erzählt, wie er am Ende des Massakers mit Schrecken festgestellt habe, dass nicht 330, sondern 335 Geiseln erschossen worden waren. Fünfe zu viel: Das hat Priebke bis zu seinem Tod beschäftigt. Noch vor Kurzem hat er einem Besucher aus Deutschland allen Ernstes erzählt: „Leider Gottes, das ist schiefgelaufen. Wir waren ja keine Schlächter.“ Was dann?

Nach dem Krieg gehörte Priebke zu der großen Schar der NS-Täter, die ihrer Strafe entgingen, weil ihnen geholfen wurde. Nachdem er aus einem britischen Lager bei Rimini fliehen konnte, setzte er sich nach Sterzing (Vipiteno) in Südtirol ab. Der inzwischen zum katholischen Glauben Konvertierte schlüpfte unter den schützenden Mantel der katholischen Kirche. Alois Hudal, ein Bischof, brachte ihn in einem Franziskanerkloster unter. Wohl ebenfalls mit kirchlicher Hilfe bekam er einen Reisepass des Internationalen Roten Kreuzes auf den Namen Otto Pape, mit dem er – wie viele andere Täter auch – ganz legal nach Argentinien auswanderte. In Bariloche eröffnete er, nun wieder unter seinem richtigen Namen, eine Metzgerei, wurde Vorsitzender des Trägervereins der deutschen Schule und genoss in der Stadt, in der man vage wusste, dass er ein NS-Täter war, hohes Ansehen.

Lebenslange Haft

Nachdem in den 90er-Jahren in Rom auf skandalöse Weise versteckte Akten wieder auftauchten, wurde Priebke festgenommen und an Italien überstellt. In einem ersten Prozess wurde er freigesprochen, in einem zweiten 1998 zu lebenslanger Haft verurteilt. Da er so alt war, wurde er bald in den Hausarrest überstellt, sein Anwalt, der Priebke für einen Helden hält, bezahlte bis zuletzt die Miete für die kleine Wohnung in der Via Cardinale San Felice. Bedauert, bereut hat er nie etwas. Er war wohl kein glühender Nazi gewesen, er hat eben immer nur das ausgeführt, was ihm befohlen wurde. Wie so viele andere Täter bedauerte er das Los seiner Opfer nie – er bedauerte nur sich selbst.

Es ist nur recht und billig, dass Ignazio Marino, der Bürgermeister Roms, verfügte, Priebke dürfe nicht auf römischem Boden beerdigt werden. Selbst die katholische Kirche sah keinen Anlass, den Leichnam in ihren Kirchen aufzunehmen. Nur die Piusbruderschaft setzte in Albano Laziale eine Trauerfeier an – zu der es aufgrund von Zusammenstößen zwischen antifaschistischen und rechtsextremen Demonstranten nicht kam. Priebke war ein deutscher Täter. Deutschland hätte allen Grund, Italien die lastende Frage, wie mit dem Leichnam des Toten zu verfahren sei, abzunehmen. Deutschland – in dem man vier Tage lang so tat, als ginge uns der Tote nichts an – ist der richtige Ort, um die sterblichen Überreste Priebkes in einem anonymen Grab aufzunehmen.