Parteien

Die neue Offenheit der Grünen

Nach dem Ende der Sondierung lässt sich die Partei ein Hintertürchen offen

Für die Grünen gilt seit dem frühen Mittwochmorgen eine neue Zeitrechnung. Zumindest, was das Verhältnis zu den Unionsparteien angeht. Seit dem Ende der zweiten Sondierungsrunde mit den Spitzen von CDU und CSU ist die Ära der „neuen Offenheit“ angebrochen. Nach 30Jahren, die von gegenseitigem Unverständnis geprägt gewesen sein sollen, beschwören die meisten aus der Grünen-Parteiführung nun einmütig den Epochenwandel.

„Für mich heißt das, dass wir in der Tat eine andere Gesprächsbasis haben werden als bisher“, analysiert die noch amtierende Bundesgeschäftsführerin Steffi Lemke am folgenden Morgen, fast schon in schwärmerischer Erinnerung an die vergangene Nacht, die die acht Grünen-Unterhändler mit den insgesamt 14 Vertretern von CDU und CSU verbracht hatten. „Für die Zukunft sehe ich, dass sich Relevantes verändert hat.“

Gerade weil große Müdigkeit das Erlebte zuweilen intensiver erscheinen lässt, als es tatsächlich war, lohnt ein nüchterner Blick auf diese nächtliche Sondierungsrunde. Zunächst bleibt festzuhalten, dass die Grünen die Gespräche mit der Union gegen 0.30 Uhr am Mittwoch für gescheitert erklärten. Nach sechsstündigen Verhandlungen mit der Union berieten sie noch fast zwei Stunden untereinander, dann stand fest: Es gibt erstens eine „neue Offenheit“. Und zweitens reicht die Annäherung nicht für eine erste schwarz-grüne Koalition auf Bundesebene. Noch nicht, muss es heißen. Denn die Grünen haben sich für eine Rolle als Koalitionspartner im Wartestand entschieden. So erklärt sich das Pathos.

Die Grünen, ganz Partei der Nachhaltigkeit, wollen diese Nacht voller überraschender Gemeinsamkeiten in Sachen Asylpolitik, Lkw-Maut und Landwirtschaft so mit historischer Bedeutung aufladen, dass sie größtmögliche Strahlkraft entfalten kann. Spätestens im Herbst 2017, nach der nächsten Bundestagswahl, soll sich die Grünen-Spitze auf die Fortschritte aus dieser Nacht berufen können – und dann einen möglicherweise erfolgreichen neuen Anlauf für Schwarz-Grün nehmen. So zumindest das Kalkül.

Denn so richtig verabschieden wollen sich die Grünen noch nicht von den neu gewonnenen Freunden, trotz Konflikten über Energiewende, Mindestlohn, Gleichstellung und Steuern: „Die Tür ist nicht zugenagelt mit Nägeln, die man nicht rauskriegen kann“, sagt Parteichef Cem Özdemir noch in der Nacht. Es geht um die Frage, was passiert, wenn nach der Absage der Grünen nun auch die SPD-Führung oder später die Parteibasis der Sozialdemokraten eine große Koalition mit der Union ablehnt. Falls die Union sich in den kommenden Wochen noch einmal Hilfe suchend an die Grünen wenden sollte, würden diese sich nicht abwenden.