Wahlen

Wie Frankreichs Rechte Land gewinnt

Der Front National gelingt ein spektakulärer Erfolg in der Provinz, der die Etablierten erschüttert

Man kann nicht behaupten, dass Brignoles auf der politischen Landkarte Frankreichs bislang ein Ort von herausgehobener Bedeutung gewesen wäre. Aber das ist jetzt anders. Denn in Brignoles gewann der Kandidat der rechtsextremen Front National (FN), Laurent Lopez, die zweite Runde der Kantonalwahl mit 54Prozent der Stimmen.

Das 16.000-Einwohner-Städtchen liegt an der Autoroute du Soleil zwischen Aix-en-Provence und Fréjus. Und die Autobahn ist mit ein Grund dafür, weshalb Brignoles seine besten Zeiten hinter sich hat. Früher kamen die Touristen über die Landstraße – die berühmte Route Nationale 7 – an die Côte d’Azur und machten in Brignoles oft noch einmal Station. Heute rauschen sie einfach vorbei. Die ökonomische Tristesse, ein jahrelang erfolglos wirtschaftender kommunistischer Bürgermeister, eine zersplitterte Linke in der ersten Runde dieser Wahl, eine blasse UMP-Kandidatin, eine weitverbreitete „Wir haben die Schnauze voll“-Stimmung und eine niedrige Wahlbeteiligung sind lokale Faktoren, die dieses Wahlergebnis erklären könnten.

Zu tief ist die Verunsicherung der konzeptlos regierenden Sozialisten wie auch der programmatisch verwirrten konservativen UMP. Zu groß ist die Furcht der etablierten Parteien, dass das Resultat dieser Nachwahl ein Vorzeichen für das ist, was bei den Kommunal- und Europawahlen im kommenden Frühjahr bevorsteht. Angesichts der kontinuierlich steigenden Umfragewerte für die Front National scheinen die etablierten Parteien ebenso wie die Medien in eine Art Schockstarre zu verfallen. „Die Umfrage, die Angst macht“, lautete eine panische Schlagzeile auf der Titelseite des linken Nachrichtenmagazins „Nouvel Observateur“. Denn nach jener Umfrage würden 24 Prozent der Franzosen derzeit der Front National ihre Stimme geben – und damit wäre die Partei Marine Le Pens derzeit stärkste Partei. Die UMP käme nur auf 22, die Sozialisten gar nur auf 19 Prozent.

Vor diesem Hintergrund erscheint das Ergebnis der Wahl in dem Provinzstädtchen als erstes Indiz einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung: der Auflösung der traditionellen Zweiparteienherrschaft. In Brignoles hatte auch der Aufruf der Sozialisten an ihre Wähler, in der Stichwahl „eine republikanische Front“ zu bilden und die Kandidatin der UMP gegen den FN-Bewerber zu unterstützen, nichts gefruchtet. Marine Le Pen frohlockte dementsprechend und sprach von einem „schönen Sieg“, der eine „Wende“ signalisiere: Er bedeute „den Tod der republikanischen Front“, erklärte sie. Und obwohl selbst sie einschränkte, dass es sich bloß um eine lokale Nachwahl gehandelt habe, sieht sie den Sieg als Ausdruck des „Willens zur Veränderung“. „Das deutet auf Hunderte von gewonnenen Städten und vielleicht Tausende von lokalen Abgeordneten“, blickt Marine Le Pen freudig voraus.

„Brignoles ist nicht Frankreich“, beschwichtigte der sozialistische Regierungschef Jean-Marc Ayrault. Er gab der konservativen UMP die Schuld am Wahlsieg der FN und wetterte: „Die Führungsspitze der UMP trägt eine extrem große Verantwortung, denn sie hat nicht einmal den kleinen Finger gerührt, um ihre Kandidatin zu verteidigen.“

UMP-Chef Jean-François Copé rief Ayrault umgehend auf, „wieder zur Besinnung zu kommen“. Der angriffslustige Konservative selbst hatte die Debatte über die Verantwortlichkeiten am FN-Sieg allerdings zuvor mit angestoßen, als er in der „katastrophalen“ Arbeit der sozialistischen Regierung in Paris einen der Gründe für das Wahlergebnis von Brignoles auszumachen glaubte.

Nach fünf Jahren Sarkozy und 18 Monaten Hollande ist die Formulierung, die am häufigsten zu hören ist, man habe „ras le bol“ – „die Schnauze voll“. Über Jahre hinweg haben die etablierten Parteien versucht, die Front National und damit auch ihre Wähler als rechtsextrem und damit gleichsam außerhalb des demokratischen Feldes stehend zu definieren. Doch diese pädagogische Rhetorik hält immer weniger Franzosen davon ab, der FN ihre Stimmen zu geben.