Finanzierung

Der Bischof und die Koi-Karpfen

Die Luft wird dünn für den Limburger Oberhirten. Tebartz-van Elst will nach Rom reisen und den Papst entscheiden lassen

Es herrscht Frust unter den 620.000 Katholiken im Bistum. „Ich bin enttäuscht von diesem Mann“, sagt Benno Hofmann. Der 72-Jährige ist Vorsitzender des Verwaltungsrats der katholischen Kirchengemeinde St. Philippus und Jakobus in Glashütten-Schlossborn. Er steht im Turnraum seines Gemeindekindergartens. Die Wände sind noch unverputzt, Holzbretter stehen herum. Die Gemeinde ist beim Ausbau des Kindergartens in den letzten Zügen, eine Krippe wurde vor Kurzem eröffnet. Die Arbeiten waren notwendig, wegen der vielen Neuanmeldungen musste zusätzlicher Platz geschaffen werden. 560.000 Euro brachte die Gemeinde auf, zwischenzeitlich fehlte das Geld für den Fliesenleger.

Hier die Gemeinden, die jeden Cent zehnmal umdrehen müssen, dort Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst, der das Geld mit beiden Händen rausschmeißt – so sieht das für viele Menschen im Bistum aus. Anfangs sollte der Umbau des Bischofssitzes 2,5Millionen Euro kosten, dann 6,5, dann 9,5 und schließlich 31. Erstens ist das teuer, und zweitens ist jahrelang niemand auf die Idee gekommen, reinen Tisch zu machen. Im Stab des Bischofs gibt es trotzdem Menschen, die in Gesprächen mit wütenden Bürgern versuchen zu erklären. Sie erzählen, dass die Gesamtkosten bereits kalkuliert waren, als Statiker feststellten, dass etwa das Vikariat in einem viel schlechteren Zustand gewesen sei als erwartet. Dass Arbeiter das Gebäude fluchtartig verlassen hätten, weil es einzustürzen drohte. Oder eines der Stahlkorsetts: völlig marode, musste ausgetauscht werden. Und über das Gebälk müsse man ja gar nicht reden: völlig morsch.

Probleme während des Baus

Die Geschichten sind wahr, es gab Probleme während des Baus; verpulvert hat der Bischof das ganze Geld nicht. Das wissen auch die Bürger, die die Residenz im Sommer besichtigen durften und hinterher sagten: Nein, pompös ist es da drin nicht. Einiges wird übertrieben. Nein, die Einheimischen schütteln den Kopf: So schlimm ist es dann doch nicht.

Es gibt aber auch noch die alte Geschichte von den Koi-Karpfen im bischöflichen Teich, die angeblich entfernt wurden, als jemand nachfragte, warum der Bischof so teure Fische brauche. Oder die Posse um einen First-Class-Flug zum Slum-Besuch in Indien, über den Tebartz-van Elst nicht die Wahrheit sagte. Deswegen hat er jetzt einen Strafbefehl wegen eidesstattlicher Falschaussage am Hals.

Das ist es, worüber sich die Menschen in Limburg empören. In den letzten drei Tagen sind 50 Limburger am Amtsgericht vorstellig geworden, um ihren Austritt aus der katholischen Kirche zu erklären. Normalerweise kommt ein enttäuschter Christ pro Tag. Einige Limburger sagen, dem Bischof fehle das Gespür für das Weltliche; er handle nicht absichtlich falsch. Alle, ob Kritiker oder nicht, bezeichnen ihn als exzellenten Theologen. Ist Tebartz-van Elst nur überfordert? Ist das 21. vielleicht einfach das falsche Jahrhundert für ihn?

Der Verwaltungsvermögensrat des Bischöflichen Stuhls hat Anfang der Woche den Rücktritt des Bischofs gefordert. Mitglied Michael Lucas beteuert, dass der Rat von der Höhe der Kosten bis Montag nichts gewusst habe. Man dürfe den Vermögensverwaltungsrat nicht mit dem Aufsichtsrat eines börsennotierten Unternehmens verwechseln, sagt Lucas. Man könne nicht alles überprüfen. Mittlerweile halten es aber selbst Mitarbeiter des Bischöflichen Ordinariats für unvorstellbar, dass der Bischof den Bau am Rat vorbei umsetzen ließ.

„Das sind doch nicht die ,Drei von der Tankstelle‘“, sagt der Limburger Pfarrer Hubertus Janssen. „Die sollen aufhören zu jammern, dass sie hinters Licht geführt wurden. Da will jemand wohl seine eigene Haut retten.“ Die ganze Sache beschäftigt den 75-Jährigen, der vor drei Jahren in den Ruhestand ging, seit Jahren. Janssen war es, der schon 2008, als der Umbau noch gar nicht begonnen hatte und sechs bis sieben Millionen Euro veranschlagt waren, auf die Barrikaden ging. Er verstand sich gut mit Franz Kamphaus, dem Vorgänger von Tebartz-van Elst, und da war er nicht der Einzige. Kamphaus war beliebt. Er bezog ein Zimmer im Priesterseminar und überließ seine Wohnung einer Flüchtlingsfamilie. Er empfing Asylsuchende und fuhr mit seinem Golf selbst zu Terminen. Regelmäßig sah man ihn in den Cafés der Altstadt. Fast schon ein Mann des Volkes und vor allem einer, der mit seiner liberalen Einstellung zum Bistum passte.

Die Amtsübernahme von Tebartz-van Elst muss für die Menschen ein Kulturschock gewesen sein. Da war nun ein Bischof, der erzkonservativ war und die Debattenkultur beendete. Der Vorschriften und andere Meinungen ignorierte. Der einen bizarren Personenkult zelebrierte. Und so hat sich eine breite Kluft zwischen der Kirche und den Gläubigen gebildet, von denen einige wegen seines Führungsstil schon seit Jahren den Abgang des Bischofs wollen. Von einem „kolossalen Schaden für die Gemeinden“ spricht der Frankfurter Pfarrer Werner Otto. In einer Zeit, in der sich dank Papst Franziskus wieder mehr Menschen der Kirche zuwenden, sitzt da in Limburg einer auf dem Domberg und bringt die Massen zum Kochen.