Flüchtlinge

Durch die Hölle ins Paradies

Jedes Jahr wagen Tausende Eritreer die Reise übers Mittelmeer. Unser Autor versucht, einen Freund davon abzuhalten

Als ich hörte, ein Boot mit mehreren Hundert Menschen an Bord sei vor Lampedusa gesunken, war mein erster Gedanke: Hoffentlich war Tewelde nicht mit seinen beiden kleinen Töchtern und seiner Frau an Bord. Tewelde hatte in Äthiopien oft für mich übersetzt, mit ihm war ich Tausende Kilometer durchs Land gereist, er hatte mir geholfen, Äthiopien und Eritrea zu verstehen. Tewelde ist Eritreer. Vor zehn Jahren kam er, versteckt zwischen Autoreifen, auf der Ladefläche eines Lastwagens der Vereinten Nationen nach Äthiopien. Er floh aus dem Nachbarland Eritrea vor Diktator Isayas Afewerki. Am Grenzübergang wollte ein eritreischer Soldat die Ladung kontrollieren. 20 Minuten redete der Fahrer, der Tewelde in seinem Truck versteckt hatte, auf den Mann ein. Tewelde hörte durch die Lkw-Plane jedes Wort, zitterte am ganzen Leib. Wer beim Versuch, aus dem international isolierten Land zu fliehen, erwischt und nicht gleich erschossen wurde, landete in einem der berüchtigten Foltergefängnisse, die viele nicht lebend verlassen haben. Tewelde wurde nicht erwischt, er lebt seitdem als Flüchtling in Äthiopien.

Doch nun, da ich nicht mehr in Addis Abeba lebe, findet er nur noch selten Arbeit. Auch wenn ich ihn und seine Familie weiterhin unterstütze, ist er verzweifelt. „Ich werde mit meinen Kindern durch die Wüste nach Libyen fliehen und dort ein Boot nach Italien besteigen. Wenn wir auf der Flucht sterben, hat Gott es so gewollt. Es ist auch nicht schlimmer, auf dem Meer zu sterben, als hier vor sich hin zu vegetieren“, hatte Tewelde mir oft gemailt. Ich hatte ihm immer wieder geantwortet, dass die Flucht durch die Sahara und über das Mittelmeer mit zwei kleinen Kindern viel zu gefährlich sei, er Geduld haben müsse, warten solle, bis das UN-Flüchtlingswerk ihn eines Tages vielleicht doch noch im Rahmen des Umsiedlungsprogramms nach Europa, Amerika oder Australien bringe.

Ich hatte gut reden. Kurz nachdem ich mich von Tewelde verabschiedet hatte, zeigte ich am Flughafen in Addis Abeba meinen Pass vor, zehn Stunden später stieg ich in Berlin aus dem Flugzeug. Ich hatte Glück bei der Geburtslotterie, Tewelde hatte, wie alle Eritreer, Pech. In letzter Zeit hatte er auf meine Ratschläge oft nicht geantwortet. Erst als ich ihn am Morgen nach der Katastrophe von Lampedusa auf dem Handy erreichte, wusste ich, dass er noch lebte.

Aber ich hatte zuvor Eritreer kennengelernt, die die Flucht nach Europa fast mit dem Leben bezahlt haben. „Als unser Boot in Seenot geriet, dachte ich: Das war’s jetzt. Ich kann nicht schwimmen. Doch nach mehreren Stunden kamen endlich Schiffe. Aber sie hatten Angst vor uns. Erst als die Frauen die Babys in die Höhe hielten, nahmen sie uns an Bord.“ Habtu Russoms Flucht endete im Sturm auf dem Mittelmeer. Fast wäre es ihm so ergangen wie den Flüchtlingen, die vor gut einer Woche vor Lampedusa Schiffbruch erlitten, oder jenen, die am späten Freitagnachmittag zwischen Malta und Lampedusa ertranken.

Bittere Armut, unbefristeter Militärdienst für Männer und Frauen, keine Meinungs- und Pressefreiheit, willkürliche Verhaftungen und Folter. Russom weiß, warum die Männer, Frauen und Kinder aus ihrem Land flohen und sich auf den völlig überfüllten Kahn gedrängt hatten. Schließlich hatte er es genauso gemacht. Die Verheißungen eines besseren Lebens schienen ihm damals größer als die Risiken. Bei seinem vorerst letzten Versuch, nach Europa zu gelangen, schlich er nachts über die Grenze zwischen Eritrea und dem Sudan. Dort traf er auf Menschenhändler. 300 Dollar, die er sich von seiner Familie geliehen hatte, zahlte er ihnen, damit sie ihn in die Hauptstadt Khartum brächten. Dort werde er gut bezahlte Arbeit finden oder könne die Reise nach Europa fortsetzen, hieß es. 24 Männer und Frauen, die auf das Versprechen hereinfielen, pferchten die Schmuggler auf der Ladefläche eines Pick-ups zusammen. Die menschliche Schmuggelware deckten sie mit einer Plane ab und rasten jenseits der Hauptstraßen nach Khartum. Nur 23 der 24Passagiere erreichten das erste Ziel ihrer Odyssee lebend. Eine Frau erstickte unter der Plane.

In Khartum zahlte Russom anderen Schmugglern 1000 Dollar, damit sie ihn an die libysche Küste brächten. 38 Menschen quetschten sie auf einem Pick-up zusammen. Nach drei Tagen brach das Auto in der Wüste zusammen. 15 Tage dauerte es, bis die Gangster den Wagen wieder flottgemacht hatten. Nachts vergewaltigten die Schlepper die Frauen, während ihre Komplizen die Ehemänner mit Kalaschnikows in Schach hielten. Als die Verzweifelten schließlich an der Küste ankamen, gab es wieder etwas mehr Platz auf dem Geländewagen. Zwei Frauen und sechs Männer hatten die Höllenfahrt nicht überlebt, ihre Leichen waren einfach von der Ladefläche gestoßen worden.

Rückkehr ins Folterlager

Doch das Schlimmste sollte noch kommen. Die Fahrt über das Mittelmeer. In der Nähe der libyschen Küstenstadt Zliten ging Russom nachts an Bord des schrottreifen Fischerboots. 518 andere Flüchtlinge will er gezählt haben. Nach rund 20 Stunden Fahrt geriet das völlig überladene Schiff in einen Sturm. Weil der irakische Kapitän und seine drei Besatzungsmitglieder kein Wort Englisch sprachen, musste Russom per Funk den Notruf absetzen, der ihm und den anderen Passagieren wahrscheinlich das Leben rettete.

Die Flüchtlinge kamen auf Malta in Abschiebehaft, wurden trotz Hungerstreiks in die eritreische Hauptstadt Asmara geflogen. Als Russom wieder in das Gefängnis eingeliefert wurde, in dem er zuvor wegen Fahnenflucht eingesessen hatte, begrüßten die Folterer ihn mit „Willkommen daheim!“. Kurz darauf gelang dem Informatikstudenten erneut die Flucht, diesmal ins Nachbarland Äthiopien. Hier lebt er seitdem im Flüchtlingslager Mai Aini.