Demonstrationen

Kampfzone Rio de Janeiro

Der Protest der Lehrer in Brasilien eskaliert. Polizei geht gegen randalierende Anarchisten vor

Als Demonstranten Steine und brennende Gegenstände gegen das Haus des Stadtrates von Rio de Janeiro schleudern, ist der friedliche Protest vorbei. Erneut hatten Zehntausende Brasilianer am Montagabend gegen das schlechte Bildungssystem und die Unterbezahlung der Lehrer demonstriert. Doch nach zwei Stunden friedlichen Protestes sonderte sich eine Gruppe von etwa 200vermummten Menschen ab. Sie randalierten in Geschäften, demolierten mit Eisenstangen Bankfilialen, zündeten einen Bus an und warfen Molotov-Cocktails. Die Polizei schoss daraufhin mit Tränengas in die Menge.

Zu Beginn der Demonstration hatten sich Gruppen aus ganz Rio de Janeiro im Zentrum auf der Hauptstraße Avenida Rio Branco versammelt. Mit Trompeten und Trommeln, Plakaten und Sprechchören trotzten sie dem Regen, so wie Lucia Teresa. Die 54-Jährige arbeitet seit 30 Jahren als Lehrerin an öffentlichen Schulen, vor allem in den Armenvierteln Catumbi und Cidade de Deus. „Nur wegen des Geldes gehen wir nicht auf die Straße, sondern weil das System ungerecht ist. Wir haben in den öffentlichen Schulen zu große Klassen, keinen Zugang zum Internet, keine Computer. Eine gute Ausstattung bleibt das Privileg der Privatschulen“, sagt Lucia Teresa.

Viele verstehen Teresas’ Beschwerden: Der Lehrergewerkschaft zufolge protestierten 50.000 Menschen in Rio de Janeiro. Die Polizei spricht von 20.000. Unter den Demonstranten waren viele Schüler und Studenten – wie Mariana Rodriges da Santos. Die 23-jährige Ingenieursstudentin unterstützt die Lehrer, weil das Bildungssystem ihrer Meinung nach katastrophal ist. Sie selbst hat gerade ein Austauschjahr in Berlin absolviert und kennt die Unterschiede der Universitäten. Doch Mariana Rodriges da Santos protestiert nicht nur für ein besseres Bildungssystem.

Kritik am Vorgehen

Sie protestiert auch wegen der massiven Polizeieinsätze gegen die Demonstranten in der vergangenen Woche. „Die Gewalt, die gegen die Lehrer angewendet wurde, war absurd und absolut falsch“, so Rodriges da Santos.

Als streikende Lehrer versuchten, in das Gebäude des Stadtrates zu gelangen, reagierte die Polizei brutal. Das Zentrum von Rio de Janeiro wurde nach den großen Sozialprotesten im Juni erneut zum Schauplatz von Straßenschlachten zwischen Sicherheitskräften und Bevölkerung. Zahlreiche Demonstranten wurden festgenommen, die Polizei setzte Tränengas und Pfefferspray ein. „Es kann nicht sein, dass die Polizei gegen die Lehrer aggressiv mit Gummigeschossen vorgeht“, kommentiert auch Leila de Lima, 48 Jahre alt, Lehrerin an zwei öffentlichen Oberschulen, die Übergriffe. „Angst haben wir schon vor der Polizei.“

So landete in den vergangenen Tagen ein Video in den brasilianischen Medien, das zeigt, wie Polizisten ohne Erlaubnis auf Dächer in der Innenstadt kletterten und von dort Gegenstände auf die Protestierenden warfen. Eine andere Aufnahme enttarnte einen Polizisten, der einem Schüler Eisengegenstände unterjubelt, um ihn daraufhin brutal festzunehmen. Später posiert dieser Polizist auf Facebook mit einem Victoryzeichen und einem breiten Lachen – und dem Kommentar: „Das war gemein.“

Die Polizei hat nach diesen Aktionen keinen guten Stand mehr in der Bevölkerung. Der Gouverneur von Rio de Janeiro Sérgio Cabral und der Bürgermeister Eduardo Paes stehen in der Kritik, die Proteste nicht beherrschen zu können und die brutalen Aktionen der Polizei zu stützen.

Auch Proteste in São Paulo

Sérgio Cabral hatte am Montagmorgen gesagt, er spreche den Lehrern das Recht zu Protesten zu, aber die Polizei müsse gegen Radikale vorgehen. Bürgermeister Eduardo Paes bedauerte in einem Interview mit dem Sender Radio Globo die Radikalisierung der Lehrerproteste und forderte, dass „sich die Lehrer mit den neuen Gesetzen auseinandersetzen sollten“. Sie erhielten ab Oktober bis zu 15Prozent mehr Gehalt. Tatsächlich verwandelten die Randalierer die friedliche Demonstration wie schon bei der letzten Kundgebung in eine Straßenschlacht. Auch wenn die Lehrer zunehmend Menschen mobilisieren und die Öffentlichkeit erreichen – was letztlich von den Protesten in den Köpfen bleibt, sind die Bilder von einem in Flammen stehenden Bus und zersplitterten Scheiben.

Auch in São Paulo endete ein Protestmarsch der Lehrer gewalttätig. Banken wurden angegriffen und es kam Zusammenstößen mit der Polizei, wie die Lokalzeitung „O Diaro“ berichtete. Sieben Menschen, unter ihnen vier Polizisten, wurden demnach verletzt.