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Höllenjob am Hindukusch

Afghanistan wählt einen neuen Präsidenten: Das sind die Favoriten

Kriegsfürsten, westliche geprägte Diplomaten und ein erklärter Freund Osama Bin Ladens – sie alle haben das gleiche Ziel: Sie wollen Afghanistans nächster Präsident werden. Am 5. April muss Hamid Karsai abtreten und darf kein drittes Mal antreten. Die Anmeldungsfrist für Präsidentschaftskandidaten lief jetzt ab. Auf der Liste der 27 Nominierungen sind alle Facetten Afghanistans, seine finstere Vergangenheit und dünnhäutige Gegenwart in ihrer brisanten Vielfalt vertreten. Die Berliner Morgenpost stellt die interessantesten Bewerber vor.

Abdullah Abdullah: Der Arzt und ehemalige Außenminister hatte bei der letzten Wahl vor viereinhalb Jahren mit rund 30 Prozent der Stimmen beinahe gegen Hamid Karsai gewonnen. Der 53-Jährige ist halb Tadschike, halb Paschtune und Führer der größten Oppositionspartei. Er hatte Karsai 2009 Wahlbetrug vorgeworfen und mehrfach öffentlich erklärt, er sei „angewidert“ von Afghanistans Politik. Abdullah gilt als geschmeidiger, dem Westen zugeneigter Diplomat, dessen Weste verhältnismäßig rein blieb – in einem korrupten System wie dem afghanischen eine Seltenheit.

Abdul Rassul Sayyaf: Der 67-Jährige ist wohl der kontroverseste Kandidat im Rennen. Im Ausland hat der Kriegsfürst einen denkbar schlechten Ruf, denn er war ein Freund Osama Bin Ladens, ein Terroristentrainer und Kriegsverbrecher. Doch in der Region genießt der Kleriker durch seine Reputation als hoher islamischer Geistlicher und nicht zuletzt durch seine Vergangenheit als Mudschaheddin-Kommandeur hohes Ansehen. Der strenge Salafist hat in Ägypten studiert und dann in seiner afghanischen Heimat ruhmreich gegen die Sowjets gekämpft. In den 80er- und 90er-Jahren betrieb er Camps in Afrika und Asien und drillte dort Hunderte von Terroristen. Sayyaf gilt als derjenige, der Bin Laden und dessen al-Qaida 1996 nach Afghanistan holte. Und vor allem soll der Prediger mit dem weißgelockten Bart der Mentor von Khalid Sheikh Mohammed sein, dem Drahtzieher der Anschläge vom 11. September 2001. Trotzdem war Sayyaf ein erklärter Feind der Taliban und schlug sich bei der US-geführten Invasion Afghanistans auf die Seite der Amerikaner. Sayyaf wäre ein Rückfall in die Vergangenheit. Vor allem viele Fortschritte bei den Frauenrechten dürften unter ihm rückgängig gemacht werden.

Abdul Rahim Wardak: Der General ist ein Kriegsheld und hochdekorierter Veteran im Kampf gegen die Sowjets – das allein bringt ihm viele Punkte. Der Berufs-Soldat war zudem einer der wenigen Afghanen, die in den frühen 70er-Jahren in den USA militärisch ausgebildet worden sind. Der 68-jährige Paschtune schmückt sich daher stolz mit persönlichen Briefen aus der Feder des früheren amerikanischen Präsidenten Richard Nixon. Trotz seines Kriegsruhmes zog er sich zurück, als die Mudschaheddin 1992 nach dem Abzug der Russen begannen, einander zu bekämpfen. „Ich habe nie einen anderen Afghanen getötet“, behauptet er. Als Verteidigungsminister baute er Afghanistans Armee auf.

Qayum Karsai: Er ist Hamid Karsais älterer Bruder, doch der Noch-Präsident wollte ihn bis zuletzt davon überzeugen, sich aus der Wahl herauszuhalten. Der 56-Jährige lebt zwischen den Welten: halb in Kabul, halb in den USA. Dort besitzt er ein afghanisches Restaurant in Baltimore. Trotzdem war er ab 2002 Abgeordneter in Afghanistans Parlament, wo er aber so selten an den Sitzungen teilnahm, dass er 2008 vom Parlamentssprecher gerügt wurde und bald darauf, angeblich aus gesundheitlichen Gründen, ausschied. Danach machte er sich als inoffizieller Berater seines Bruders nützlich und war unter anderem in Treffen mit Vertretern der einstigen Taliban-Regierung in Saudi Arabien involviert, wo es um ein Friedensabkommen ging.

Zalmai Rassoul: Afghanistans wortgewandter Ex-Außenminister, gilt als Favorit – eben weil er sich als Konsens-Kandidat eignet, der für keine der zerrütteten Fraktionen im Lande eine Bedrohung darstellt. Im Westen wäre der Diplomat, der gerade erst sein Amt niedergelegt hat, um sich zur Wahl zu stellen, ein gern gesehener Präsident, doch am Hindukusch mangelt es ihm ein wenig an begeisterten Anhängern. Was nicht weiter stört, denn Rassoul, so heißt es, ist der Politiker, hinter den sich Hamid Karsai gestellt hat. Damit sind ihm die Stimmen vieler Paschtunen sicher. Der 70-Jährige wäre in gutter Gesellschaft: auch Karsai selbst galt einst als Kompromisskandidat. Rassoul hat in Paris Medizin studiert und fungierte, bevor er 2010 Außenminister wurde, als nationaler Sicherheitsberater, der sich aber meistens aus dem Scheinwerferlicht heraushielt