Kommentar

Noble Forschung ist einfach global

Norbert Lossau über den Medizin-Nobelpreis für den Deutschen Thomas Südhof

Ein deutscher Wissenschaftler, der in den USA lebt und forscht, wird mit einem Nobelpreis ausgezeichnet. Ist das nicht ein Déjà-vu-Erlebnis? Können hierzulande geborene Forscher nur noch dann in den Himmel der Wissenschaft gelangen, wenn sie zuvor ein One-Way-Ticket in die Neue Welt gekauft haben? Ist Deutschland als Forschungsstandort nicht mehr wettbewerbsfähig?

Die gern geübte Kritik am hiesigen Forschungssystem greift zu kurz. Zum einen werden immer wieder auch Nobelpreise für Durchbrüche in deutschen Labors verliehen – zuletzt im Bereich Medizin für die Entwicklung einer Impfung gegen Gebärmutterhalskrebs durch Harald zur Hausen.

Zum anderen ist Forschung extrem globalisiert. In Deutschland ausgebildete Wissenschaftler können schließlich auch in den USA Spitzenleistungen erbringen. Dass in die USA angesichts der Größe des Landes mehr Nobelpreise gehen als nach Deutschland, kann nicht verwundern. Dass dort häufig auch Deutsche ausgezeichnet werden, ist ein Indiz für die solide Grundlage, die hierzulande gelegt wurde. In den Labors der sehr international aufgestellten US-Institute arbeiten ja Forscher aus aller Herren Länder. Es könnte eben auch ein Chinese sein, der an einer Uni in den USA brilliert.

Der jetzt ausgezeichnete Thomas Südhof erhielt zu Beginn seiner Karriere mehrfach Forschungsstipendien der Deutschen Forschungsgemeinschaft und war Mitarbeiter eines Sonderforschungsbereiches, die zu Recht als wissenschaftliche Leuchttürme gelten. Gut ausgebildet wurde Südhof also, sein Talent erkannt und gefördert auch. Wir dürfen uns über seinen wissenschaftlichen Erfolg freuen, ganz unabhängig davon, wo er ihn errungen hat.

Wo ein exzellenter Forscher arbeiten möchte, hängt nicht nur von der wissenschaftlichen Infrastruktur ab. Oft sind es weiche Faktoren, wie Freizeitwert, Fremdenfreundlichkeit, soziale Wärme oder Verfügbarkeit von Kita-Plätzen, die den Ausschlag für einen Standort geben. Bei den weichen Faktoren hat Deutschland aufgeholt. Nicht nur deutsche Forscher kommen inzwischen gern zurück in ihre Heimat. Sogar für in den USA geborene Wissenschaftler ist Old Germany attraktiver geworden. So haben dieses Jahr drei Amerikaner von den Universitäten Cambridge, Tufts und Chicago den Ruf auf eine Alexander-von-Humboldt-Professur in Deutschland angenommen. Vielleicht erhält demnächst mal ein in Deutschland arbeitender US-Forscher einen Nobelpreis.