Verkehr

Brücken des Grauens

Der Zustand der Verkehrswege in Deutschland ist alarmierend, wie aktuelle Untersuchungen zeigen

Baustadtrat Rainer Hölmer (SPD) kommt zum Ortstermin mit dem Fahrrad. „Das hält fit und hat nichts mit dem Verkehr oder Straßenzustand zu tun“, sagt er. „Unsere Infrastruktur in Treptow-Köpenick ist, gemessen an den schwierigen finanziellen Rahmenbedingungen, eigentlich noch in vergleichsweise gutem Zustand. Das verschlechtert sich aber Jahr für Jahr, denn wir fahren bei Straßenunterhaltung und -erneuerung deutlich auf Verschleiß.“ Das merkt man. Zum Beispiel bei den zwei großen Brücken dieses Bezirks. Hölmer steht unter der Salvador-Allende-Brücke, einem vierspurigen Zweckbau, und verkündet knapp den Befund: „Betonkrebs.“

Man kann den Krebs nicht sehen, aber er frisst sich seit Jahren durch die Querung. Das haben Berliner Brückenexperten bei Bohrungen festgestellt. Es gibt jetzt zwei Szenarien, und keines davon macht Hölmer so recht glücklich: Man tut nichts, dann muss das Bauwerk irgendwann gesperrt werden. „Damit hätten wir hier das blanke Chaos. Köpenick ist von Wasserläufen durchzogen, die Altstadt hat fast eine Insellage. Ohne funktionierende Brücken geht hier nichts“, stöhnt der Bezirksstadtrat. Oder man ersetzt die Brücke schrittweise, so bleibt wenigstens der große Dauerstau aus, hofft Hölmer und skizziert, wie es jetzt weitergehen könnte: 2015 und 2016 wird geplant, Kosten dafür: 500.000 Euro. 2017 schließlich Baubeginn, Gesamtkosten schätzungsweise 15,5 Millionen Euro. Aber jetzt prüft der Berliner Senat erst mal und denkt in der Zwischenzeit über Teilsperrungen nach. Die Stadt ist ja knapp bei Kasse. Und es gibt 70 größere Brücken, die als praktisch nicht mehr befahrbar gelten.

Nun muss Berlin regelmäßig dafür herhalten, wenn man nach Beispielen für marode Infrastruktur oder Kommunen sucht, die ihre Finanzen nicht im Griff haben. Aber was den besorgniserregenden Befund über den Zustand der Brücken in Deutschland angeht, ist die Hauptstadt keine Ausnahme. Einer Studie des Deutschen Instituts für Urbanistik (Difu) zufolge ist vor allem der Zustand von Brücken, für die Städte und Gemeinden zuständig sind, alarmierend: „Knapp die Hälfte der kommunalen Brücken weist problematische oder schlechte Zustände auf“, heißt es darin nach einer Untersuchung in 456 Städten, Gemeinden und Landkreisen. Sieben Prozent der Brücken erhalten auf der für diese Bauwerke üblichen Skala von 1bis4 die schlechteste Zustandsnote 3,5bis 4,0. Bereits wenn Gutachter einen „ausreichenden Zustand“ feststellen (2,5 bis 2,9), kann die Standsicherheit beeinträchtigt sein. Brücken dieser Kategorie sind nur noch eingeschränkt befahrbar, müssen teilweise oder für schwere Fahrzeuge ganz gesperrt werden.

Die Studie, die unter anderem im Auftrag des Hauptverbands der Deutschen Bauindustrie und des Bundesverbands der Deutschen Industrie erstellt wurde, listet erstmals nicht nur den Zustand kommunaler Brücken auf, sondern auch ihre genaue Zahl – denn die wurde bislang nicht zentral erfasst. 66.714 entsprechende Bauwerke haben die Difu-Experten ermittelt und in einer Stichprobe festgestellt, dass bei rund 15 Prozent der Brücken „Ersatzneubaubedarf“ bestehe. Sprich: Der jeweilige Zustand ist so schlecht, dass eigentlich nur noch Abriss und Neubau infrage kommen.

778 Milliarden Euro sind die deutschen Verkehrswege und Knotenpunkte wie Bahnhöfe insgesamt wert, das hat jüngst das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin berechnet. Gleichzeitig konstatierten die Experten, dass dieser „beachtliche volkswirtschaftliche Kapitalstock“ zunehmend verrotte, weil nicht genug Geld in den Unterhalt gesteckt werde. Das gelte für Straßen, Wasserwege und Trassen, vor allem aber für Brücken. Rund 46 Prozent der Autobahnbrücken haben laut DIW die „gültigen Warnwerte“ überschritten. Bei den kommunalen Brücken ist die Lage nach neuesten Erkenntnissen offenbar noch angespannter.

Vor allem in kleineren Gemeinden und ostdeutschen Kommunen besteht dringender Handlungsbedarf. Fast 70Prozent der kommunalen Straßenbrücken befinden sich in Gemeinden mit weniger als 20.000 Einwohnern, und die sind häufig knapp bei Kasse. Entsprechend schlecht ist der Zustand vieler Brücken. In Ostdeutschland hatte man sich wiederum nach der Wiedervereinigung darauf konzentriert, die großen Verkehrsadern zu modernisieren. Daher gibt es im Osten eine vergleichsweise große Zahl neuer Brücken. Aber auch überproportional viele Bauwerke, die aus der Zeit vor 1945 stammen.

Bundesweit, so hat das Difu anhand der Brückenfläche und des Zustands errechnet, müssten ab heute bis 2030 fast elf Milliarden Euro in Ersatzneubauten investiert werden. Pro Jahr sind das für alle betroffenen Kommunen rund 630Millionen Euro, zuzüglich rund 300Millionen Euro für Ausbesserungen. Insgesamt sei so pro Jahr knapp eine Milliarde Euro nötig, um die Brücken im Land instand zu halten, stellen die Verfasser der Studie fest.

Wenn das reicht. Denn der Zahn der Zeit nagt immer heftiger an den zum Teil mehr als hundert Jahre alten Bauwerken. Die Zahl der Fahrzeuge, die darüberrollen, steigt kontinuierlich, vor allem der Schwerlastverkehr nimmt zu, außerdem das Gewicht der Laster. Vielen Kommunen wie Bochum bleibt derzeit nur der Weg, immer mehr Brücken zu sperren – oder Brummis auszusperren. Über die Salvador-Allende-Brücke in Köpenick rollt derweil der Verkehr weiter ohne Auflagen.