Terror

„Es war plötzlich wie im Krieg“

Bewaffnete Islamisten überfallen Einkaufszentrum in Kenias Hauptstadt Nairobi. Dutzende Todesopfer

Es ist ein typischer Sonnabendmittag in der Westgate Mall: Wohlhabende Einheimische und Ausländer laufen durch Nairobis luxuriöses Einkaufszentrum, Eltern mit ihren Kindern erledigen ihre Einkäufe, die Restaurants und Cafés sind voll. Plötzlich stürmen schwarzgekleidete, maskierte und mit Gewehren und Handgranaten bewaffnete Männer in das Zentrum und eröffnen das Feuer auf die Menge. „Es war plötzlich wie im Krieg“, sagte ein Besucher. Nach Angaben der kenianischen Präsidentschaft wurden mindestens 39 Menschen getötet und 150 weitere verletzt. Bis Redaktionsschluss war der Einsatz noch nicht beendet.

„Wir werden sie für dieses feige Verbrechen bestrafen“, sagte Staatschef Uhuru Kenyatta am Abend in einer Fernsehansprache. Er selbst habe bei der Attacke Familienangehörige verloren. Oberste Priorität hätten nun Bemühungen, das Leben jener zu schützen, die immer noch in dem Komplex als Geiseln gehalten würden. Aus Polizeikreisen verlautete, die Angreifer hätten mindestens sieben Geiseln in ihrer Gewalt. Am Abend gaben die Einsatzkräfte bekannt, dass die Angreifer in einem Stockwerk „isoliert“ und „eingekreist“ seien. Das übrige Gebäude werde „Geschäft für Geschäft“ durchkämmt. Einer der Angreifer, der verletzt festgenommen worden war, soll im Krankenhaus gestorben sein.

Mindestens 18 mit automatischen Waffen und Granaten ausgerüstete Angreifer drangen gegen Mittag in die Mall ein und feuerten nach Angaben von Augenzeugen auf Besucher, darunter Afrikaner, Inder und westliche Ausländer. Unter den Todesopfern sollen zwei Franzosen sein, wie der französische Staatspräsident François Hollande mitteilte. Laut US-Außenministerium gibt es Hinweise, dass US-Bürger unter den Verletzten sind. Eine Sprecherin des Auswärtigen Amts konnte zunächst nicht sagen, ob es auch deutsche Opfer gibt.

Berichte über schreckliche Szenen

Die islamistische Shebab-Miliz aus Somalia bekannte sich via Twitter zu dem Anschlag. Die mit dem Terrornetzwerk al-Qaida verbündeten Aufständischen verbreiteten über den Kurznachrichtendienst die Mitteilung: „Die Mujahedin drangen heute gegen Mittag in die Westgate Mall ein und sind noch immer in dem Einkaufszentrum“. Den Islamisten zufolge wurden „mehr als hundert ungläubige Kenianer“ getötet. Die Attacke sei Vergeltung für die in Somalia begangenen „Verbrechen ihrer Soldaten“. Die kenianische Armee unterstützt die somalischen Regierungstruppen im Kampf gegen die Shebab.

Augenzeugen schilderten schreckliche Szenen. Sudjar Singh hatte Glück, er überlebte den Überfall knapp. „Die Angreifer zielten auf meinen Kopf, aber sie haben mich verfehlt.“ Er steht sichtlich unter Schock, berichtet von einem kleinen Jungen, der im Einkaufswagen herausgefahren wurde. „Er war vielleicht fünf oder sechs Jahre alt und bewegte sich nicht mehr.“ Eine Kundin versteckte sich sechs Stunden lang in einem Laden, bevor sie gerettet wurde. „Ich war im Café, als ich Schüsse und Explosionen hörte. Ich suchte Schutz in einem Geschäft und wartete“. Ein weiterer Augenzeuge sagte: „Sie warfen eine Granate. Sie zeigten uns arabische Schriften. Wenn man sie lesen konnte, war man gerettet. Wenn man sie nicht lesen konnte, erschossen sie einen.“ Er ergänzte: „Ein Täter von ihnen schrie: ‚Heute werdet ihr das wahre Gesicht von Al-Shebab kennenlernen‘“.

Beliebt bei UN-Mitarbeitern

Das Westgate Einkaufszentrum im Viertel Westland gibt es seit 2007. Die Mall beherbergt neben Geschäften zahlreiche Cafés und Restaurants, Banken und einen großen Supermarkt sowie einen beliebten Kino-Komplex, der täglich tausende Besucher zählt. Mehrere Geschäfte sind in israelischer Hand. Das Einkaufszentrum ist auch bei Mitarbeitern der Vereinten Nationen sehr beliebt – die Mission liegt ganz in der Nähe. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon verfolge die Lage mit großer Sorge, sagte ein Sprecher. Er habe auch mit Präsident Kenyatta telefoniert.

Al-Shebab hatte das Zentrum bereits öffentlich als mögliches Anschlagsziel bezeichnet. Wer es betreten wollte, musste sich deshalb wie am Flughafen einer Einlasskontrolle unterziehen. Autofahrer mussten die Kofferräume öffnen, mit Spiegeln wurde der Unterboden der Fahrzeuge nach Bomben abgesucht. Doch die Sicherheitsvorkehrungen konnten die Angreifer nicht abhalten. Zum Zeitpunkt der Schüsse fand im Restaurantbereich nach Angaben des Fernseh-Senders al-Dschasira eine Kochveranstaltung für Kinder statt. Der kenianische Fernseh-Sender KTN zeigte chaotische Szenen, darunter Bilder von verwundeten und leblosen Menschen, die aus dem Gebäude getragen wurden.

Der Terroranschlag der Shebab-Miliz ist der schwerste in Kenia seit den Bombenexplosionen in der US-Botschaft in Nairobi im Jahr 1998. Damals kamen mehr als 200 Menschen ums Leben. Kenia gilt als strategischer Partner des Westens in der Region und schickt seit dem Jahr 2011 Soldaten nach Somalia, um die Terrorherrschaft von al-Shebab im Süden des Landes zu beenden. Die radikal-islamische Miliz strebt die Errichtung eines islamischen Staates an, und hat wegen des Militäreinsatzes mehrfach Anschläge auf kenianische Zivilisten verübt. Davon erreichte aber keiner auch nur annähernd die Dimension des Angriffs vom Sonnabend.

Die Deutsche Botschaft in Nairobi forderte deutsche Staatsbürger in der Stadt „aufgrund der weiterhin unübersichtlichen Sicherheitslage“ dazu auf, die Wohnungen vorerst nicht zu verlassen. Das Auswärtige Amt aktualisierte seine Reise- und Sicherheitshinweise für Kenia mit der „dringenden“ Empfehlung für „erhöhte Umsicht in der Stadt“.