Kirche

Revolte von oben

In einem großen Interview fasst Papst Franziskus bislang unantastbare Positionen der katholischen Kirche an

Papst Franziskus will für Frauen mehr Einfluss in der katholischen Kirche. „Der weibliche Genius ist nötig an den Stellen, wo wichtige Entscheidungen getroffen werden“, sagte das Kirchenoberhaupt in einem am Donnerstagabend veröffentlichten Exklusiv-Interview für Zeitschriften des Jesuitenordens. Die Präsenz von Frauen in der Kirche müsse erweitert werden. Er fürchte sich allerdings vor einer „Männlichkeit im Rock“, denn die „Frau hat eine andere Struktur als der Mann“, fügte der 76-Jährige hinzu.

Der im März zum Nachfolger von Papst Benedikt XVI. gewählte ehemalige Erzbischof von Buenos Aires, Jorge Mario Bergoglio, ist der erste Jesuit auf dem Papststuhl. In dem langen Interview nimmt der Papst auch Stellung zu den Themen Kirchenreform, Umgang mit Homosexualität oder Ökumene und gibt einen tiefen Einblick in sein Denken.

Franziskus forderte die katholische Kirche eindringlich dazu auf, sich nicht nur mit Fragen der Abtreibung, der homosexuellen Ehen und der Verhütung zu befassen. „Das geht nicht“, kritisierte er. Die Kirche solle ein „neues Gleichgewicht“ für ihre zahlreichen Lehren finden und helfen, die Wunden der Menschen zu heilen. Überstürzte Reformen will er vermeiden.

Die Ansichten der Kirche in den Fragen (wie Abtreibung) seien durchaus bekannt, erklärte Franziskus. „Aber man muss nicht endlos davon sprechen“, kritisierte das Kirchenoberhaupt. Ihm sei im übrigen bereits vorgeworfen worden, nicht viel „über diese Sachen“ zu reden, erwähnte Franziskus. Wenn man aber darüber spreche, „dann muss man den Kontext beachten.“ Die dogmatischen wie moralischen Lehren der Kirche seien jedenfalls nicht alle gleichwertig, „eine missionarische Verkündigung konzentriert sich auf das Wesentliche, auf das Nötige“.

Franziskus erinnerte auch daran, was er auf dem Rückflug vom Weltjugendtag in Rio de Janeiro über Homosexuelle gesagt hatte: „Wenn eine homosexuelle Person guten Willen hat und Gott sucht, dann bin ich keiner, der sie verurteilt.“ Er habe in seiner früheren Zeit in Buenos Aires Briefe von Homosexuellen erhalten, die „soziale Wunden“ enthielten, weil diese sich immer von der Kirche verurteilt fühlten. „Aber das will die Kirche nicht“, bekräftigte der Papst.

„Wir müssen also ein neues Gleichgewicht finden, sonst fällt das moralische Gebäude der Kirche wie ein Kartenhaus zusammen“, warnte der Papst. Der Beichtstuhl der katholischen Kirche sei im übrigen auch „kein Folterinstrument, sondern der Ort der Barmherzigkeit“, etwa, wenn eine Frau eine Abtreibung beichte. „Was die Kirche heute braucht, ist die Fähigkeit, die Wunden zu heilen und die Herzen der Menschen zu wärmen.“ Die Kirche habe damit eine Aufgabe so wie ein Feldlazarett nach einer Schlacht, wo Wunden geheilt würden.

Klar wandte sich der Papst in dem Interview erneut auch gegen eine Weltkirche, die wie eine kleine Kapelle nur Grüppchen ausgewählter Personen aufnehmen könne. „Wir dürfen die Universalkirche nicht auf ein schützendes Nest unserer Mittelmäßigkeit reduzieren“, verlangte Franziskus, „diese Kirche, mit der wir denken und fühlen, ist das Haus aller.“ Notwendig seien dabei Mut und Kühnheit. „Das Volk Gottes will Hirten und nicht Funktionäre oder Staatsdiener.“

Franziskus lud auch dazu ein, Veränderungen und Reformen nicht zu überstürzen. „Ich glaube, dass man immer genügend Zeit braucht, um die Grundlagen für eine echte, wirksame Veränderung zu legen“, erklärte er, ohne dabei direkt auf die von ihm auf den Weg gebrachte Kurienreform einzugehen. Er misstraue improvisierten Entscheidungen.

Positive Reaktionen

Zum Thema Ökumene sagte der Papst, es sei wichtig „das, was der Geist in den anderen gesät hat, nicht nur besser zu kennen, sondern vor allem auch besser anzuerkennen als ein Geschenk auch an uns“. Franziskus: „Wir müssen vereint in den Unterschieden vorangehen. Es gibt keinen anderen Weg, um eins zu werden. Das ist der Weg Jesu.“

Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) rechnet nach dem ersten großen Papst-Interview mit konkreten Reformen. „Es kommen sehr ermutigende Zeichen aus Rom“, sagte ZdK-Präsident Alois Glück. Er erwartet, dass geschiedene Wiederheiratete und konfessionsverschiedene Ehepaare künftig zur Kommunion zugelassen werden. Glück betonte: „Papst Franziskus ist ein Wegbereiter der angstfreien Kommunikation – und genau das war einer der größten Wünsche vieler engagierter Katholiken. Er greift Themen unbefangen auf, die bisher tabuisiert und verdrängt wurden.“

Der Berliner evangelische Bischof Markus Dröge sagte dem Tagesspiegel: „Die Aussagen des Papstes zur Ökumene sind im Blick auf die orthodoxe Kirche formuliert. Wenn er die Betonung des gemeinsamen christlichen Geistes und der Synodalität ernst meint, könnte dies auch eine Bedeutung für die katholisch-evangelische Ökumene gewinnen und eine Tür für das Reformationsfest 2017 öffnen.“

Der Catholica-Beauftragte der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands, Bischof Friedrich Weber, bezeichnete die Aussagen des Papstes zum Miteinander der Konfessionen als bemerkenswert. Dessen Appell, in den ökumenischen Beziehungen Unterschiede anzuerkennen und dennoch vereint voranzugehen, komme dem Leuenberger Modell nahe, sagte der lutherische Ökumene-Experte. Vor 40 Jahren hatten protestantische Kirchen in Europa Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft vereinbart, indem die Verschiedenheit der Kirchen geachtet wird, ohne die Übereinstimmung im Grundsätzlichen zu übersehen.

Die Hauptversammlung der katholischen Bischöfe in Deutschland, die am Montag in Fulda beginnt, steht mit dem Interview plötzlich unter neuen Vorzeichen. Auch in Italien hat die scharfe Kritik von Papst Franziskus an seiner katholischen Kirche Aufsehen erregt. Der angesehene Mailänder „Corriere della Sera“ nannte den Aufruf des Papstes zu einer barmherzigen Kirche, die sich um „soziale Wunden“ kümmert, am Freitag revolutionär. Auch andere führende Zeitung hoben die Äußerungen des Papstes auf die Titelseite, sprachen von einer „Umarmung“ und „zivilem Mut“ des Kirchenführers.