Extremismus

Verfassungsschutz warnt vor radikalen Tschetschenen

Immer mehr Asylbewerber schließen sich den Salafisten an

Der Zuzug tschetschenischer Asylbewerber nach Deutschland ruft bei deutschen Sicherheitsbehörden Beunruhigung hervor: Es werde beobachtet, „dass sich viele Tschetschenen in Deutschland radikalisieren“, sagte der Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz, Hans-Georg Maaßen, der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“. Auch an teilweise gewalttätigen Vorfällen in Asylbewerberunterkünften seien Tschetschenen beteiligt gewesen. Sie seien „der salafistischen Szene zuzurechnen“.

Die Sicherheitsbehörden befürchten dem Bericht zufolge, dass die islamistische Terrororganisation „Kaukasisches Emirat“ in Deutschland Zulauf erhalten könne. Zudem stellen sie fest, dass immer mehr junge Tschetschenen sich der salafistischen Szene in Deutschland anschlössen. Nach dem Anschlag auf den Boston-Marathon im April durch zwei junge Tschetschenen haben die Sicherheitsbehörden ein besonderes Augenmerk auf die tschetschenischen Islamisten in Deutschland. Eine Aufklärung ihrer Aktivitäten erweist sich dem Bericht zufolge jedoch als schwierig, weil sie sich in abgeschotteten Clan-Strukturen bewegen und staatlichen Stellen mit Misstrauen begegnen.

Das Bundesamt für Verfassungsschutz beziffert die Anhänger des sogenannten Kaukasischen Emirats in Deutschland auf 200. Seit 2005 beobachte man Bestrebungen, „von Deutschland aus durch die Sammlung von Spendengeldern und die Rekrutierung von Kämpfern die Separatisten im Nordkaukasus logistisch und finanziell zu unterstützen“, sagte der Verfassungssschutzpräsident.

Allein in Berlin werden demnach 60 Tschetschenen dem Kaukasischen Emirat zugerechnet. Nach Angaben des Verfassungsschutzes beteiligten sich junge Tschetschenen an salafistischen Islamseminaren, Koranverteilungen oder an Demonstrationen gegen islamfeindliche Gruppierungen wie Pro NRW. Allgemein fielen sie durch eine hohe Gewaltbereitschaft auf. Neben Berlin, Brandenburg und Nordrhein-Westfalen gilt Bayern als Schwerpunkt ihrer Aktivitäten.

Im Juli griffen Islamisten aus Tschetschenien in der Zentralen Aufnahmestelle Eisenhüttenstadt ein Flüchtlingsehepaar an und verletzten es. Die schwangere Frau verlor bei dem Angriff ihr Kind. Anlass für die Attacke war aus Sicht der Angreifer das unsittliche Verhalten des Paares.

Zwei Drittel der Flüchtlinge in Eisenhüttenstadt sind Tschetschenen: Dabei handelt es sich vor allem um junge Ehepaare mit Kindern. Sie kommen über Weißrussland und Polen aus der russischen Kaukasusrepublik nach Deutschland.

In Eisenhüttenstadt wurden 2010 weniger als 100 Tschetschenen aufgenommen. 2012 kamen 385. In den ersten acht Monaten dieses Jahres waren es 1065. Vor fünf Jahren stand das Flüchtlingslager wegen niedriger Belegung kurz vor der Schließung, jetzt platzt es aus allen Nähten. Vier Containeranlagen wurden aufgestellt, um der drohenden Überfüllung durch die Tschetschenen Herr zu werden.

Warum sich so viele Tschetschenen nach Deutschland aufmachen, ist unklar. In der Kaukasusrepublik kursieren offenbar Gerüchte von Begrüßungsgeldern von mehreren Tausend Euro, heißt es. Oder von einem Stück Land, das jede Familie erhalte. Die Rede ist auch von gut organisierten Schleuserbanden, deren Köpfe in Warschau säßen und die 5000, 10.000 oder 15.000 Euro für den Trip nach Deutschland nähmen. Doch tschetschenische Familien in Eisenhüttenstadt erzählen, sie hätten die Reise für viel weniger Geld gemacht. Einige sagen, sie seien einfach mit dem Zug gekommen.