Geschichte

„Der Schild der Konterrevolution“

Seit 1980 bespitzelte die Stasi den polnischen Gewerkschaftsführer Lech Walesa. Einblicke in Akte

Es ist Freitag, der 3. Oktober 1980. Ganz Polen wird von einem kurzen Warnstreik lahmgelegt. Gewerkschaftschef Lech Walesa spricht vor einer Menschenmenge am Tor der Danziger Lenin-Werft. Ein 35-jähriger Mann mit Fotoapparat stellt sich als DDR-Journalist vor. Walesa reagiert zunächst misstrauisch, erklärt sich dann aber zu einem Interview bereit. Die beiden treffen sich einen Tag später in der Danziger Zentrale der Gewerkschaft Solidarność. „Was, Sie kommen aus der DDR, die gibt es noch?“, sagt Walesa zur Begrüßung. Die Niederschrift des Gesprächs und zahlreiche Fotos landen im Ministerium für Staatssicherheit (MfS) der DDR, kurz: Stasi. Der junge Journalist wird dort als Kontaktperson (KP) „Andreas“ und später als Inoffizieller Mitarbeiter (IM) „Josef“ geführt. Er ist nicht der einzige Ostdeutsche, der in den 80er-Jahren versucht, Kontakt zu Walesa zu knüpfen.

Der Elektriker aus Danzig, der 1983 den Friedensnobelpreis erhielt und von 1990 bis 1995 polnischer Präsident war, gilt spätestens seit den berühmten August-Streiks 1980 weltweit als Ikone der antikommunistischen Opposition in Polen. Die DDR-Stasi interessiert sich für ihn schon ein halbes Jahr davor. Walesa engagiert sich zu diesem Zeitpunkt bei den illegal tätigen Freien Gewerkschaften (WZZ). Abgesehen von kleinen Oppositionskreisen ist er in der Bevölkerung noch unbekannt. Trotzdem wird er schon im Februar 1980 in einem Bericht erwähnt. Dort heißt es: „Ende Januar war Walesa aus Gdansk sehr aktiv. Er führte eine Unterschriftensammlung unter den Werktätigen der Zaklady Robot Elektrycznych (Elektrowerke) durch. Er verfasste einen Aufruf an die Belegschaft zur Verteidigung von zehn entlassenen Arbeitern, zu denen er selbst gehörte.“

Bereits in den späten 70er-Jahren beobachtet die DDR-Staatssicherheit die polnische Opposition. Dieses Interesse steigt 1980 stark an, als in Polen die Solidarność offiziell zugelassen wird, die erste freie Gewerkschaft im gesamten Ostblock. „DDR-Staatschef Erich Honecker verstand es blitzschnell, wie gefährlich die Freiheitsbewegung in Polen für seine Macht sein kann“, sagt Tytus Jaskulowski vom Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung in Dresden. „Jeder Demokratisierungsversuch innerhalb des Ostblocks hätte ja einen Domino-Effekt verursachen können.“

Die DDR-Führung definiert die Entwicklung in Polen als Konterrevolution, die gebremst werden müsse. Im September 1980 bildet sich auf Weisung von Stasi-Chef Erich Mielke die „Operativgruppe Warschau“ (OGW), die ständig die Lage in Polen analysiert. Die Mitarbeiter der OGW werden von ihren MfS-Kollegen in der DDR und von einem großen Informantennetz unterstützt, zumeist DDR-Bürger, die in Polen arbeiten oder dort Freunde und Bekannte haben.

„Josef“ steht bis Mitte der 80er-Jahre im Dienst der Stasi. Andere IM infiltrieren noch bis zum Mauerfall 1989 die Umgebung von Lech Walesa. „Christian“ etwa stellt sich als DDR-Journalist mit Berufsverbot vor. Er gewinnt Walesas Vertrauen und wird in Oppositionskreisen der „deutsche Walesa“ genannt. Im Dezember 1980 dürfen er und seine Ehefrau „Christiane“ eine interne Solidarność-Beratung besuchen, bei der Walesa spricht. „Henryk“, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Technischen Universität Danzig, schreibt für die polnische Untergrundpresse. Über Walesa berichten auch zahlreiche IM, die ihm nie direkt begegnen. Ihre Berichte und Analysen summieren sich zu Hunderten Aktenseiten, die heute beim Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen aufbewahrt werden. Ergänzende Hinweise sind etwa im Bundesarchiv und im Politischen Archiv des Auswärtigen Amtes zu finden. Walesa wurde in den 80er-Jahren vom MfS auch abgehört, doch die Abhörprotokolle stehen Wissenschaftlern und Journalisten, ähnlich wie etwa im Fall Helmut Kohl, nicht zur Verfügung.

So gefährlich wie die Radikalen

Nichts scheint der Stasi unwichtig: „Wer bestimmt in Solidarność?“ „Wie gefestigt ist die Position von Walesa?“ „Gibt es Hinweise, dass Walesa ‚kaltgestellt‘ werden soll?“ „Sucht er eventuell West-Berlin auf?“ Als die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) im Juni 1981 in Genf ihre jährliche Konferenz veranstaltet, achtet die Stasi genau darauf, ob Walesa dort eine Funktion übernehmen will oder Interesse an Kontakten zu Gewerkschaften anderer Ostblockländer zeigt.

Im Oktober 1981 berichtet die MfS-Hauptabteilung II nach Gesprächen mit polnischen Genossen: „Walesa ist ein strenger Katholik. Er richtet sich ganz nach den Anweisungen der katholischen Kirche, die ihrerseits kein Blutvergießen will. Walesa gehört zu den gemäßigten Vertretern der Solidarność.“ Doch aus Sicht der Stasi-Spitze ist er nicht weniger gefährlich als seine radikaleren Mitstreiter in der Solidarność. „Walesa dient als Schild, hinter dem die Ziele der Konterrevolution verwirklicht werden sollen“, heißt es in einem Bericht des MfS.