Wahlkampf

Pannen-Peer ist zurück

Das wortlose Interview im „SZ“-Magazin zeigt: Steinbrück kennt die Regeln des politischen Geschäfts, missachtet sie aber

Peer Steinbrück sitzt vor einigen Hundert Gymnasiasten in der Aula und erzählt von seiner Einschulung. „Ich kann mich noch an meinen ersten Schultag erinnern, und zwar deshalb, weil meine Mutter und meine Großmutter mich begleiteten; und ich kann mich an eine Schultüte erinnern, weil dort das erste Micky-Maus-Heft drin war, das ich je bekommen habe“, plaudert der SPD-Kanzlerkandidat. Die Schüler des Otto-Hahn- Gymnasiums in Monheim lachen und applaudieren.

Steinbrück und seine Mitbewerber im Wahlkreis 104 (Mettmann I) sind zur Fragestunde gekommen, und er verlebt einen unerwartet entspannten Termin. Einen Tag zuvor wurde sein Bild mit dem gestreckten Mittelfinger aus dem Magazin der „Süddeutschen Zeitung" bekannt. Aber hier bei der Podiumsdiskussion spielt es keine Rolle. Einige Schüler haben das Bild noch nicht einmal gesehen. Steinbrück verlebt gemütliche 90 Minuten in der Aula, begründet Steuererhöhungen und spricht sich dafür aus, dass homosexuelle Paare Kinder adoptieren dürfen. Immer wieder brandet Applaus auf.

Kein Schüler fragt, warum Steinbrück den Mittelfinger gezeigt hat, weder der Moderator noch die anderen Wahlkreis-Kandidaten. „Ich habe mich bewusst dagegen entschieden, das anzusprechen, sonst hätte es die üblichen Rituale vor den Schülern gegeben. Gerade junge Menschen sollten über politische Themen sprechen“, sagt FDP-Kandidat Moritz Körner später. Zwei Zehntklässler kennen das Foto auch. „Es wirkt schon komisch, wenn ein Spitzenpolitiker so etwas macht. Finde ich nicht gut“, sagt einer. Auch im Lehrerzimmer wurde darüber gesprochen, es hätten alle schlecht gefunden, erzählt ein Lehrer. Ehe man Steinbrück selbst fragen kann, ist er schon wieder weg, zum nächsten Termin. CDU-Konkurrentin Michaela Noll steht in einer Traube von Schülern und meint: „Meinen Kindern sage ich, so etwas geht gar nicht, und ausgerechnet der Kanzlerkandidat macht das. Da fällt einem nichts mehr zu ein. Ich verstehe es einfach nicht.“

Die SPD-Wahlkämpfer sind da naturgemäß zurückhaltender so kurz vor dem magischen 22. September. Abwinken und Augenverdrehen – das ist die häufigste Form der Kritik, die sich viele Sozialdemokraten erlauben. Man spielt: „Sagen Sie jetzt nichts.“ Unter eben diesem Motto hatte das Magazin mit dem SPD-Kanzlerkandidaten das „Interview ohne Worte“ geführt. Die Kollegen tun das jede Woche, haben aber selten so viel Aufsehen erregt wie mit Steinbrücks Mittelfinger. Es war seine Antwort auf die Frage: „Pannen-Peer, Problem-Peer, Peerlusconi – um nette Spitznamen müssen Sie sich keine Sorgen machen, oder?“

Christian Ude, der SPD-Spitzenkandidat in Bayern, wo am Sonntag der Landtag gewählt wird, verteidigt Steinbrück. „Es war sicherlich risikofreudig. Aber ich kann diese scheinheilige Entrüstung nicht verstehen“, sagt Ude im Bayerischen Rundfunk: „Es sind dieselben Medien, die jetzt die tugendhafte Gouvernante spielen, die ihn vor selber sogar monatelang angepöbelt haben. Und er wurde von einem Medium gebeten nur körpersprachlich auf die Pöbeleien zu antworten, das hat er getan. Ich finde, soviel klare Kante muss schon sein dürfen.“

Kritisch äußert sich SPD-Vorstandsmitglied Ralf Stegner. Aufgeregtheiten über Interviews, Fotos oder Personalspekulationen behinderten nur die „Kampfkraft“ in der heißen Wahlkampfphase, sagt er „Handelsblatt Online“. Tobias Andrä, Jusochef im Erzgebirge, geht noch weiter und spricht – frei nach Steinbrück – Klartext. „Peer Steinbrück sollte wissen, was er mit dieser Geste für einen Flurschaden anrichtet“, sagt Andrä der „Berliner Morgenpost“. Er mahne bei seinem Kanzlerkandidaten „ein solidarisches Verhalten an gegenüber Parteifreunden und Kollegen, die sich für ihn seit Wochen die Hacken wund rennen“. Solidarität sei keine Einbahnstraße. „Soll es am Ende eine Entscheidung zwischen Raute und Stinkefinger geben?“, fragt der Juso.

Nun also ist er wieder da, der Pannen-Peer, mitten in einem guten Lauf, während die Umfragewerte der SPD steigen und die eigenen Leute Zulauf verspüren. Es ist ein echter Steinbrück, der in Erinnerung ruft: Dieser Mann kennt zwar die Regeln des politischen Geschäfts, missachtet sie aber. Eben erst ist es ihm gelungen, Themen in den Vordergrund zu stellen, nun provoziert er wieder die von ihm so gehasste Debatte über Nebensächlichkeiten. Steinbrück verteidigt noch am Donnerstagabend seine Geste. „Da werden einem Fragen gestellt, die man übersetzt in Gebärden, in Grimassen, in Emotionen“, sagt er am Rande einer SPD-Kundgebung in München: „Das schauspielert man dann. Und ich hoffe, dass die Republik auch den Humor hat, dann diese Grimassen und diese Gebärdensprache bezogen auf die Fragen richtig zu verstehen.“

Politiker aller anderen Bundestagsparteien zeigen sich entsetzt. „Die Bürger können sich nun erneut ein Bild vom Kandidaten machen. Mehr ist dazu nicht zu sagen“, sagt Unionsfraktionschef Volker Kauder der „Berliner Morgenpost“. Grünen-Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckardt deutet die Geste als Steinbrücks nonverbale Art, Klartext zu sprechen. Sie fügt hinzu: „Meine Form wäre das nicht.“ Man wisse nicht ganz so genau, wem Steinbrück den Finger zeige. Sie fühle sich aber persönlich nicht angesprochen. Dabei kann sich die SPD derzeit steigender Umfragewerte erfreuen. In der aktuellen Sonntagsfrage für die ARD-„Tagesthemen“ gewinnt die SPD als einzige Partei hinzu, nämlich einen Prozentpunkt. Sie liegt nunmehr bei 28 Prozent.