CDU

Wie Merkel aus der Asche

Als der Wahlkampf der Union schon zu kippen droht, legt die Kanzlerin einen souveränen Fernsehauftritt hin

Dieser Abend hätte ein Wendepunkt im Wahlkampf werden können. Angela Merkel kam am Montagabend angeschlagen nach Mönchengladbach in das zum Fernsehstudio umgebaute Kunstwerk im Stadtteil Wickrath. Dort warteten 150 repräsentativ ausgewählte Gäste – und ein Millionenpublikum. Die ARD übertrug mit ihrer „Wahlarena“ live, wie sich die Kanzlerinnen in einem seit Barack Obamas erster Wahlkampagne „Townhall“ genannten Format Bürgerfragen stellt.

Der Termin für das anspruchsvolle Format stand seit Wochen fest und war dennoch plötzlich zu einem für die Kanzlerin geradezu prekären Zeitpunkt gekommen. Denn das Bild von der erfolgreichen und beliebten Bundeskanzlerin, deren Wiederwahl nur eine Formsache ist, hatte am Wochenende zuvor erste Risse bekommen.

Die CDU hatte eine zentrale Kundgebung am Sonntag krachend in den Sand gesetzt. Trotz immenser Werbung in der Mitgliedschaft und Erscheinungspflicht für Funktionäre aus ganz Deutschland hatten nur 7000 Anhänger den Weg in den ISS Dome von Düsseldorf gefunden, eine Multifunktionshalle, die eigentlich für mehr als 13.000 Besucher ausgelegt ist. Die bekamen Merkel zu sehen und zu hören, vorher mussten sie jedoch eine überinszenierte Party beobachten, bei der unter anderem eine fast nackte Tänzerin von der Decke schwebte.

Der bis dahin sehr professionelle Wahlkampf war gekippt. Denn bei Beobachtern blieb der Eindruck haften: Merkel macht eine so unpolitische Show, dass die eigenen Anhänger nicht mobilisiert werden. Die Warnungen aus der Partei, die Strategie der „asymmetrischen Demobilisierung“ nicht zu weit zu treiben, schienen berechtigt: Hatte die CDU nicht wie 2009 die SPD-Sympathisanten, sondern diesmal auch ihre eigenen Leute eingeschläfert?

Einen weiteren, noch schwereren Kratzer hatte die Bundeskanzlerin ihrem Image in den Tagen zuvor zugefügt: Zu früh war sie vom G-20-Gipfel im russischen St. Petersburg abgereist und hatte eine Anti-Assad-Erklärung der westlichen Verbündeten nicht unterschrieben. Einen Tag später musste ein wieder mal desorientiert wirkender Außenminister Guido Westerwelle die Unterschrift nachschieben, doch der peinliche außenpolitische Fehler hatte nicht nur den FDP-Außenminister, sondern auch die erfahrene Staatsfrau schon beschädigt.

„Hätte, hätte, Fahrradkette“, würde ihr Herausforderer Peer Steinbrück (SPD) an dieser Stelle wohl deprimiert murmeln. Denn am Montagabend, am Ende von 75 überaus interessanten Minuten „Merkel live" erinnerten sich nur noch wenige an den Gipfel und niemand mehr an Düsseldorf. Die Kanzlerin, wahrlich nicht als Fernsehstar geboren, überstand die als Fragestunde von Bürgern angelegte Sendung nicht nur: Merkel siegte in der Arena. Sogar die nicht für CDU-Nähe bekannten Twitter- und Facebook-Gemeinden lobten ihren Auftritt überwiegend.

Dabei ließ sich das Ganze zäh an. Eine wahrscheinlich auch in ihrem Freundeskreis nicht für Schlagfertigkeit und Wortwitz bekannte Dame brauchte gefühlte fünf Minuten, um in einer peinlichen Mischung aus Untertänigkeit und Nörgeln die Beschwerde anzubringen, Merkel habe es nicht für nötig befunden, „in Person“ dem Endspiel der Frauen-Fußballeuropameisterschaft beizuwohnen. Merkel erfüllte solche Wünsche in ihrer Rolle als deutsche Queen eher pflichtschuldig. Engagierter wurde sie, als es zur Sache ging. Und es ging zur Sache. Denn einige Zuschauer hatten sich auch sehr gut vorbereitet.

So konfrontierte ein Betriebsrat aus Lützen bei Leipzig die Regierungschefin damit, dass er seit zehn Jahren als Leiharbeiter bei dem gleichen Automobilzulieferer arbeite, ohne eine Chance bekommen zu haben, in die Stammbelegschaft übernommen zu werden. „Das guck’ ich mir noch einmal an, so ist das nicht gedacht“, blieb Merkel zunächst unverbindlich. Aber der wütende Metaller hakte nach. Ob die Kanzlerin bereit sei, das Arbeitnehmerüberlassungsgesetz umzuschreiben, indem sie das Wort „vorübergehend“ durch eine feste Frist ersetze? Merkel antwortete: „Wenn es mehrere Fälle gibt, in denen das über zehn Jahre ist, dann bin ich gewillt, das umzuschreiben.“ Damit hatte sie nicht weniger als eine Gesetzesänderung angekündigt – welcher professionelle Merkel-Interviewer hat je so ein konkretes Ergebnis erzielt?

Doch die Bürger ersetzten in diesem anspruchsvollen Fernsehformat nicht die Journalisten. Vielmehr nahmen sich die als Moderatoren fungierenden ARD-Hierarchen Jörg Schönenborn und Andreas Cichowicz klug zurück, um dann in wenigen, aber wichtigen Fällen einzugreifen. So kitzelte Schönenborn aus der Kanzlerin immerhin die Festlegung heraus, dass die Pflegeversicherung in der kommenden Legislaturperiode teurer werden würde.

Zum Thema Syrien mussten die Moderatoren Jörg Schönenborn und Andreas Cichowicz die Bürger erst ermuntern. Doch auch hier lieferte die Kanzlerin Nachrichtenwert. Den überraschenden russischen Vorschlag vom Nachmittag, Diktator Baschar al-Assad möge seine Chemiewaffen unter internationale Kontrolle stellen, nannte Merkel „interessant“. Mehr als an Außenpolitik schien dem Publikum daran gelegen, Persönliches von der Kanzlerin zu erfahren. Und tatsächlich gab sie eine neue Anekdote preis: In der ihr eigenen sympathischen Unbeholfenheit bekannte sie, „schon lange nur noch auf Waldwegen“ selbst Auto zu fahren.

Nur ein einziges Mal wirkte die Kanzlerin unsouverän. Ein homosexueller Mann fragte, warum sie gegen das Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare sei. Diese Antwort blieb Merkel schuldig. Sie wand sich, sprach sich gegen Diskriminierung im Allgemeinen aus, erzählte von den Lesben und Schwulen in der CDU und artikulierte „Unsicherheit“: „Ich tue mich schwer damit.“ Man müsse auch das Kindeswohl bedenken. Es war ihr schwächster Moment bei einem sonst starken Auftritt.