Familie

Für die Karriere verzichten viele Frauen auf Kinder

Langzeitstudie unter 21- bis 35-Jährigen zeigt: Wer Familie und Job verbinden will, muss finanzielle und berufliche Nachteile hinnehmen

Junge Frauen wollen heutzutage alles erreichen: Karriere machen und viel Geld verdienen, Kinder haben und eine Partnerschaft auf Augenhöhe mit einem Mann, der sie unterstützt. Doch viele der 21- bis 35-Jährigen sind mittlerweile ernüchtert, denn sie stoßen an Grenzen, stellte die Arbeitsmarktforscherin Jutta Allmendinger fest, die im Auftrag der Zeitschrift „Brigitte“ die Frauen 2007 und fünf Jahre später noch einmal befragt hat.

„Die jungen Frauen stehen gewaltig unter Druck“, sagt die Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB). Berufstätig zu sein sei in dieser Generation für Frauen ebenso selbstverständlich wie für die Männer. Sowohl die Gesellschaft erwarte dies als auch – und das habe sich in den letzten Jahren deutlich gewandelt – die Männer, die nicht mehr allein verantwortlich für das Haushaltseinkommen sein wollten. So wünschen sich heute drei Viertel der Männer eine Partnerin, die finanziell auf eigenen Beinen steht. 2007 sagte dies erst jeder zweite.

Unter den Zielen rangiert der Job klar vor der Familie. Und so wird der Kinderwunsch, den das Gros der jungen Generation unverändert hat, vielfach spät und mitunter auch gar nicht verwirklicht. „Viele, Männer mehr als Frauen, nehmen in der Gesellschaft einen mangelnden Respekt und eine fehlende Offenheit für Familien wahr“, heißt es in der Studie. Eine Familie verschaffe keine Anerkennung, das tue nur ein guter Job. „Etwas zu wollen, was andere gering schätzen, und dafür in Bereichen zu verlieren, die einem selbst wichtig und von anderen hoch geachtet sind, fällt schwer“, stellen die WZB-Forscher fest.

Schneller aus der Babypause

Frauen, die trotz dieses Zwiespalts eine Familie gründen, bleiben dennoch berufsorientiert. Im Schnitt kehren die Mütter nach einer Babypause heute schneller wieder in den Job zurück, wobei der Großteil dann auf Teilzeit geht. Allmendinger diagnostiziert bei vielen allerdings eine große Frustration. „Sie klammern sich mental an den Karrieregedanken und führen, sobald sie Mutter sind, gleichzeitig ein Leben, mit dem sie ihre beruflichen Träume wohl nicht verwirklichen werden.“

Vor allem westdeutsche Frauen seien vielfach wütend, weil ihre Partner nicht oder nur wenig im Haushalt mit anpackten. Im Osten sei der Frust geringer. Zwar erledigten auch die ostdeutschen Frauen einen Großteil der unbezahlten Familienarbeit. Doch seien ihnen diese Doppelbelastung und die mangelnde Unterstützung durch die Männer in den Familien aus DDR-Zeiten vertraut. Bundesweit erledigen die Frauen einen Großteil der Hausarbeit stets oder meistens allein. Beim Wäschewaschen gilt dies für mehr als 90 Prozent. Beim Putzen und Kochen nur wenig darunter. Selbst bei kinderlosen Paaren gebe es nur bedingt eine partnerschaftliche Aufgabenteilung, die sich dann auflöse, wenn sich der Nachwuchs einstelle, monieren die Sozialforscher. Immerhin: Reparaturen im Haushalt sind Männersache, und auch beim Einkaufen sind sie dabei.

Dank der Möglichkeit für Mütter, beruflich auf Teilzeit zu gehen, klappt heute die Vereinbarkeit von Beruf und Familie besser als früher. Doch es seien in erster Linie die Frauen, die den Preis zu zahlen hätten, stellt Allmendinger fest. Denn es gelinge vielen von ihnen nicht, mit ihrer Mutterrolle und einer Teilzeitarbeit zufrieden zu sein, „weil Teilzeitarbeit gesellschaftlich nicht wertgeschätzt wird“. Verkürzte Arbeitszeiten haben zudem oftmals die Folge, dass es beruflich nicht weiter aufwärts geht. Und so sehen sich die Frauen nach Ansicht der Forscher vor die Wahl gestellt: Entweder sie bekommen Kinder und verzichten auf beruflichen Erfolg, oder sie machen Karriere und haben keinen Nachwuchs.

Kosten schrecken ab

Jede zweite stimmt der Aussage zu: „Wer Kinder hat, kann keine wirkliche Karriere machen.“ Vor fünf Jahren meinten dies nur ein Drittel der Befragten. Während Mütter mit kleinen Kindern noch eher optimistisch sind, wächst der Frust in den Folgejahren. Im Blick hat die junge Generation auch die Kosten einer Familiengründung. So meinen 47 Prozent der Männer und sogar 53 Prozent der Frauen, dass der Wohlstand sinkt, wenn Kinder kommen. Und diese Furcht ist umso größer, je niedriger der Bildungsstand und damit das Einkommen ist.

Für die Studie wurden 2007 gut 2000 Männer und Frauen zwischen 17 und 19 Jahren und zwischen 27 und 29 Jahren ausführlich befragt. 2012 erfolgte bei 500 von ihnen eine Wiederholungsbefragung, um zu sehen, wie sich deren Einstellungen seither verändert haben. Knapp die Hälfte der Frauen und 20 Prozent der Männer sind in der Zwischenzeit Eltern geworden, 80 Prozent starteten ins Berufsleben.

Während Arbeitsmarktforscherin Allmendinger eine große Unzufriedenheit bei den teilzeitarbeitenden Frauen hervorhebt, kommen andere Umfragen zu anderen Ergebnissen. So stellte das Institut für Demoskopie Allensbach jüngst in einer repräsentativen Befragung fest, dass sowohl in Westdeutschland als auch im Osten das Familienmodell mit teilzeitarbeitender Mutter und vollzeitberufstätigem Vater mit Abstand von beiden Geschlechtern am häufigsten als ideal angesehen wird. Und auch in der „Brigitte“-Studie zeigt sich, dass keineswegs alle Menschen vorrangig Karriere machen wollen. So sagen 63 Prozent der jungen Frauen: „Ich strebe einen gelungenen Ausgleich zwischen Beruf und Familie an, ohne dass einer der beiden Bereiche vernachlässigt wird.“