Medizin

Entscheidung über Leben und Tod

Transplantationsskandal von Göttingen war nur einer unter vielen. Doch trotz der Aufklärung sinkt die Bereitschaft zur Organspende

Die Worte der Prüfer klingen nüchtern. Aber was sie auf Seite drei in sachlichem Ton beschreiben, ist eine Entscheidung über Leben und Tod. Die Ärzte an der Uniklinik Essen entscheiden sich nach der kühlen Analyse der Kontrolleure zwar für die Rettung, allerdings streng genommen für die Rettung einer falschen Patientin.

„Eine Indikation zur Dialyse“ sei bei dieser Patientin „nicht nachvollziehbar“, schreiben die Experten in ihrem siebenseitigen Bericht über das Lebertransplantationszentrum in Essen. Übersetzt aus dem Medizinerdeutsch heißt das: Die betroffene Patientin sollte einer regelmäßigen Blutreinigung unterzogen werden und wanderte damit auf der Dringlichkeitsliste für Lebertransplantationen ganz rasch weit nach oben – die Frau hatte allerdings keinerlei schwerwiegende Nierenprobleme, die das Blutreinigungsverfahren gerechtfertig hätten. „Aufgrund der fehlenden Dialyseindikation stellt die Dialysemeldung, die zu einem umgehenden Erhalt des Organs führte, einen Richtlinienverstoß dar“, schreiben die Prüfer weiter. Also im Klartext: Die Frau erhielt die Leber eines Organspenders, die ein anderer Patient vermutlich dringender gebraucht hätte als sie.

Von diesen Fällen wimmelt es nur so im Bericht der zuständigen Überwachungs- und Prüfkommissionen von Bundesärztekammer, Krankenhausgesellschaft und dem Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen, der am Mittwoch in Berlin vorgelegt wurde. Sie haben alle 24 Leberzentren an deutschen Kliniken stichprobenartig nach Auffälligkeiten untersucht, es geht um die 2303 dort vorgenommenen Lebertransplantationen aus den Jahren 2010 und 2011. Der bittere Befund: Bei 292 Transplantationen wurde gegen die geltenden Richtlinien verstoßen und damit mindestens in jedem zehnten Fall. Entweder versehentlich und vereinzelt wie an der Uniklinik in Essen oder aber systematisch und bewusst wie an vier besonders auffälligen Kliniken. Nur an fünf Krankenhäusern haben die Kontrolleure keine Beanstandungen verzeichnet: an der Charité in Berlin sowie an den Universitätskliniken in Hamburg-Eppendorf, Hannover, Magdeburg und Würzburg.

Prozess gegen früheren Leiter

Schwerwiegende und sogar systematische Unregelmäßigkeiten wurden dagegen in den Universitätskliniken von Leipzig und Münster, am Münchner Klinikum rechts der Isar sowie an der Uniklinik Göttingen festgestellt. In Göttingen läuft bereits seit einigen Wochen wegen schwerer Manipulationsvorwürfe ein Gerichtsprozess gegen den früheren Leiter der dortigen Transplantationsmedizin. „Wir haben in Leipzig, München rechts der Isar und Münster ebenfalls eindeutige Anhaltspunkte für systematische Falschangaben, wenn auch teilweise in zahlenmäßig geringerem Umfang“, sagte die Vorsitzende der Prüfungskommission, Anne-Gret Rinder. Der Prüfbericht listet 79 Verstöße in Göttingen, 76in Leipzig, 38 in München und 25 in Münster auf. Das alles dürfte auch Auswirkungen auf die Organspendebereitschaft haben: Bereits die Fälle aus Göttingen und Regensburg hatten dazu geführt, dass die Bereitschaft zur Organspende hierzulande drastisch eingebrochen ist. Vertreter von Kliniken, Kassen und Ärzten sowie auch Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) bemühten sich, neues Vertrauen in das Transplantationssystem zu wecken.

Auch in Berlin ging die Zahl der Organspenden im vergangenen Jahr zurück. Laut der Deutschen Stiftung für Organtransplantation gab es 2012 insgesamt 80 potenzielle Organspender, von denen 55 Spenden tatsächlich durchgeführt wurden. Im Jahr 2011 waren es noch 91 potenzielle und 61 erfolgreiche Transplantationen in der Hauptstadt. Die Zahlen aus diesem Jahr weisen nur noch 28 bisher realisierte Organspenden bis zum vergangenen August aus.

Der Trend in Berlin sei weiterhin rückläufig, bedauert Gottfried Ludewig, gesundheitspolitischer Sprecher der CDU. „Wir haben vor allem eine Vertrauenskrise“, stellt er fest. Aus diesem Grund wurde im August dieses Jahres das Bündnis Berliner Erklärung Organspende von Vertretern aus Medizin, Forschung, Politik und Verbänden gegründet. „Wir wollen klare Vergaberegeln, mehr Transparenz und Kontrolle im Organspendesystem“, sagte Ludewig weiter.

Berliner Bürger sollten mit verständlichen Informationen besser aufgeklärt werden, um sich dann bewusst für oder gegen einen Organspendeausweis zu entscheiden. Ob die Initiative tatsächlich steigende Spenderzahlen fördert, ist bisher unklar. Sie solle aber auch die hervorragende Arbeit in der Berliner Transplantationsmedizin hervorheben. Dies bestätige der am Mittwoch vorgestellte Prüfbericht, meint Günther Jonitz, Präsident der Ärztekammer Berlin. So seien bei den Lebertransplantationen in der Charité keinerlei Beanstandungen festgestellt worden.