Gedenken

„Ich beuge mein Haupt vor euren Opfern“

Der Bundespräsident besucht den Ort eines SS-Massakers in Frankreich – und macht die Scham der Täternation deutlich

Eben erst, am Mittwochvormittag, wurde Joachim Gauck durch die prachtvollen Flure und Säle des Hôtel de Ville in Paris geführt. Im größten Rathaus Europas durchschritt er Räume mit prunkvollen Wandteppichen und riesigen Gemälden, die unter hohen Decken zur Schau gestellt werden. Freitreppen, vergoldete Säulen und viel Marmor sollen an das antike Griechenland erinnern. Nur wenig später, am Nachmittag, eine gute Flugstunde von Paris entfernt, in Oradour-sur-Glane, schreitet der Bundespräsident, begleitet von seinem französischen Amtskollegen François Hollande, durch eine Trümmerlandschaft. Ruinen, wohin man blickt: gesprengte Häuser, eingerissene Fassaden, alte, verrostete Autowracks. Bilder, wie man sie nur aus der Nachkriegszeit kennt, von schwarz-weißen Fotografien oder Filmaufnahmen. Oradour-sur-Glane erscheint wie eine Filmkulisse, doch es ist ein Ort des Schreckens, der Brutalität.

Am 10. Juni 1944 trieben Soldaten des SS-Panzergrenadier-Regimentes „Der Führer“ die Einwohner des Ortes auf dem Marktplatz zusammen. In den Abendstunden begingen die Soldaten, unter ihnen viele junge Männer, das brutalste deutsche Kriegsverbrechen in Frankreich. Die Männer wurden in Scheunen getrieben und erschossen, die Frauen und Kinder in die Kirche gepfercht, erstickt, erschossen oder verbrannt. Innerhalb weniger Stunden ermordeten die SS-Soldaten 642 Menschen. Das jüngste Opfer war ein Baby. Es wurde acht Tage alt.

Die beiden Präsidenten werden von Robert Hébras durch das Dorf geführt. Hébras tut dies seit vielen Jahren, unermüdlich. Der 89-Jährige ist einer von wenigen Überlebenden. Gerade einmal 18 Jahre alt war er damals, in Oradour war er aufgewachsen, hier absolvierte er eine Kfz-Lehre, hier spielte er Fußball.

An dem Tag des Terrors wurde er mit vielen anderen Männern in eine Scheune gescheucht. Mit Maschinengewehren schossen die SS-Leute, zunächst in die Beine. Und wer sich dann noch regte, dem jagten sie Kugeln in den Kopf. Hébras und vier andere Männer konnten fliehen. Nun, am Mittwochmittag, steht Hébras vor den Ruinen jener Scheune.

Gauck und Hollande, Daniela Schadt und Valerie Trierweiler lassen sich von Hébras die Kirche zeigen, in der einst die Frauen und Kinder in die Luft gesprengt und anschließend verbrannt wurden. Hébras’ Mutter kam hier zu Tode, und seine zwei Schwestern. Langsamen Schrittes durchqueren sie das Dorf der Märtyrer, wie sich das alte Oradour heute nennt. Entlang der Rue Emile Desourteaux, der einstigen Hauptstraße mit ihren alten Straßenbahnschienen gehen sie, vorbei an den Häusern, die einst Café, Friseurgeschäft und Apotheke beherbergten. In der einstigen Bäckerei findet sich ein Ofen. An der alten Autowerkstatt prangt noch ein Renault-Schild aus Metall. Mucksmäuschenstill ist es, trotz der vielen Fotografen und Reporter.

Nur sechs Überlebende

„Warum Oradour?“, fragt Gauck den alten Mann, und der berichtet von der Willkür der SS. „Es sollte einfach irgendeinen Ort treffen?“, hakt Gauck nach. François Hollande erkundigt sich nach der Zahl der Überlebenden. „Six“, antwortet Hébras. Sechs. Er ist einer von ihnen. „Sie sind diesen Weg bestimmt schon tausend Mal gegangen“, wendet sich Gauck noch einmal an Hébras, „und jedes Mal ist es wohl etwas Besonderes.“ Hébras lässt sich die Worte des Präsidenten übersetzen. Dann nickt er zustimmend.

Es war Joachim Gaucks Wunsch, nach Oradour-sur-Glane zu reisen. Gauck trug dieses Interesse Hollande an. Im Mai, während einer Begegnung in Leipzig, sagte Hollande zu – und kündigte an, Gauck zu begleiten. In einer französischen Regierungsmaschine flogen beide von Paris aus hierher. Noch nie war ein führender deutscher Politiker in Oradour. Dabei ist Gauck, im Gegensatz zu den meisten handelnden deutschen Politikern, noch ein Kriegskind, geboren im Jahre 1940.

Von „inneren Kämpfen“ mit dem eigenen Deutschsein berichtet Gauck aus seiner Jugend. Er befragte seine Eltern nach ihrem Leben im Nationalsozialismus. Gauck sagt, er habe sich damals, in den 50er-Jahren, als Angehöriger eines Volkes definiert, „das man eigentlich hassen musste“. Durch die aufgeklärte, selbstkritische Befassung mit der eigenen Geschichte nennt Gauck die eigene Nation „ein Land, zu dem man gerne Ja sagt und das ich gerne vertrete“. Zwei Botschaften will er den Nachbarn vermitteln. Sie lauten: „Ihr könnt euch auf uns verlassen.“ Und: „Ich beuge mein Haupt vor euren Opfern.“

An die Opferfamilien wendet sich Gauck während seiner Rede im Gedenkzentrum direkt: „Ich teile Ihre Bitterkeit darüber, dass Mörder nicht zur Verantwortung gezogen wurden, dass schwerste Verbrechen ungesühnt geblieben sind. Sie ist auch meine Bitterkeit. Ich nehme sie mit nach Deutschland, und ich werde in meinem Land davon sprechen, und ich werde nicht verstummen.“ Der Bundespräsident nennt die Einladung nach Oradour eine „Geste der Versöhnung“ – eine Geste jedoch, die er nicht erbitten könne, sondern „die man nur geschenkt bekommen kann“.