Kommentar

Im Geist der Beamtenstube

Thomas Schmid über das Fernseh-Duell zwischen Angela Merkel und Peer Steinbrück

Als Nicholas Sarkozy 2007 im Wahlkampf um das Amt des Staatspräsidenten gegen die wie eine Jeanne d’Arc auftretende Ségolène Royal antrat, sah es anfangs gar nicht gut für den kleinen, quirligen Mann aus. Er musste versuchen, aus dem Schatten des mäßig beliebten Jacques Chirac herauszutreten, während sie wie eine Volkswohltäterin auftrat und einen sozialen Frühling versprach. Am Ende gewann Sarkozy gegen die Verlockung doch. Und das hatte viel mit dem Fernsehduell zu tun, das er gegen Frau Royal bestritt. Hier war er aggressiv, genau, gut informiert und rhetorisch brillant: Die süße Melodie von Ségolène Royal verfing nicht.

Nicht nur in Frankreich, auch in den USA haben Rededuelle schon öfters Wahlkämpfe um das Amt des Präsidenten entschieden – am berühmtesten ist vielleicht der Sieg des jungen John F. Kennedy über Richard Nixon. Dass das in Amerika funktioniert, liegt am agonalen Zwei-Parteien-System des Landes, an der dort verbreiteten und geschätzten Lust am öffentlichen Streit und in Frankreich liegt es auch an der Freude und Zustimmung, die dort große Inszenierungen erfahren. Das alles gehört nicht unbedingt zum deutschen Erbe. Hier liebt man eher die Ruhe und das Mittige. Und deswegen fallen die Rededuelle der Kanzlerkandidaten, die es noch nicht lange gibt und die ja eine Kopie größerer Vorbilder sind, in der Regel so matt, so nüchtern und so wie ein Hornberger Schießen aus. Nicht Streithähne, sondern Amtsinhaber und Amtsinhaber in spe treffen aufeinander. Nicht die Inszenierung, sondern „die Sache“ dominiert. Deswegen atmen diese Begegnungen meist den Geist der Beamtenstube. Rechthaber und Linkshaber breiten ihre zahlengestützten Wahrheiten aus.

Das dürfte auch der Fall sein, wenn nun Angela Merkel auf Peer Steinbrück trifft. Die Bundeskanzlerin hat ohnehin den Hang, in bescheiden getarntem Stolz als Vollzugsorgan objektiver Notwendigkeiten aufzutreten. Der Raum der Erörterung, den sie lässt, in meist sehr schmal. Das was sie macht, sei alternativlos, sagt sie gerne – wie soll man dann darüber streiten? Auch lässt sich die Bundeskanzlerin aus keiner Reserve locken, die offene Feldschlacht hat sie noch nie gemocht.. Daran wird wohl auch der von Tag zu Tag munterer auftretende Peer Steinbrück nichts ändern können. Seine Kavallerie-Methode mag auf Marktplätzen ganz gut ankommen, in der Auseinandersetzung mit einer Frau, die zudem eine überlebensgroße Kanzlerin ist, dürfte das schräg werden. Steinbrück ist in einer dummen Zwickmühle: Ist er dezent, wirkt er fad, greift er auf seine Art an, wirkt er überheblich und deplatziert. Und er hat es mit einer Gegnerin zu tun, die keine Skrupel hat, gegnerische Positionen flugs zu übernehmen, wenn ihr das helfen könnte.

Hinzu kommt ja noch eine besondere Delikatesse. Hier treten nicht zwei Gleiche gegeneinander an, sondern Köchin und Kellner. Peer Steinbrück war vier Jahre lang Frau Merkels treu ergebener Finanzminister. Jeder konnte damals sehen, wie gut sie miteinander auskamen, als die Hierarchie klar war. Die Bilder hat man nicht vergessen, sie werden bei dem Duell gegenwärtig sein. Peer Steinbrück ist auch um diesen Auftritt nicht zu beneiden. Aber vielleicht geschieht ja doch ein kleines Wunder und der Mann aus dem Norden beweist in verzweifelter Lage, dass von der Kunst der guten Rede eine machtvolle Wirkung ausgehen kann.