Fernsehen

Bloß nicht provozieren lassen

Das TV-Duell mit Kanzlerin Angela Merkel gilt als letzte Chance für Peer Steinbrück. Um zu gewinnen, muss er sich beherrschen

Vier Moderatoren, zwei Kandidaten, kein Publikum. Das ist Fernsehen 2013, Fernsehen in der Mediendemokratie. Auf die Formel lässt sich das Kanzlerduell zwischen Angela Merkel (CDU) und Herausforderer Peer Steinbrück (SPD) reduzieren, das am Sonntag ab 20.30 Uhr in ARD, ZDF, RTL und ProSieben zu sehen ist. Von „unsinnig vielen Moderatoren“ spricht der Berater von Ex-Kanzlerkandidat Edmund Stoiber, Michael Spreng. Mindestens 20 der 90 Minuten würden durch deren Fragen verloren gehen.

Vor allem der Kanzlerin kann es recht sein. Mit ihrer Medienberaterin Eva Christiansen bereitet sich Merkel auf den Schlagabtausch vor. Wobei es das Wort „Schlagabtausch“ wohl nicht trifft. Merkel glänzt nie als spontane Rednerin, dabei kann sie in Reaktionen aus dem Stegreif ungeahnten Witz entfalten. Doch meist verrutschen ihr dann die Metaphern. Darum: besser keine Scherze. Schon gar nicht auf Kosten des Gegenübers, sagt die Wissenschaft.

Gegner bisher nicht erwähnt

„Die Zuschauer schätzen Aussagen, die eigentlich Banalitäten und Allgemeinplätze sind, das kommt durchaus an“, sagt der Kommunikationswissenschaftler Carsten Reinemann von der Ludwig-Maximilians-Universität München. Seit dem zweiten Duell von 2002 hat Reinemann alle Begegnungen mit Probanden analysiert. Ein Ergebnis lautet, dass Angriff sicher nicht die beste Verteidigung ist. „Wer angreift, mobilisiert nur bei den eigenen Leuten, die anderen werden davon massiv abgeschreckt.“ Dieser Effekt kommt dem Charakter der Kandidaten von 2013 immerhin etwas entgegen. Reinemann erwartet, dass Merkel bei ihrer Strategie des nüchternen Allgemeinplatzes bleiben wird. „Ich bin ein höflicher Mensch. Ich beantworte die Fragen, die mir gestellt werden. Es liegt am Frager, was er daraus macht“, sagte sie vor Kurzem.

Bisher hat sie ihren Gegenkandidaten im Wahlkampf nicht einmal erwähnt. Steinbrück hingegen müsse attackieren, sagt der Forscher, und sogar Mut für Neues zeigen. „Die vergangenen Duelle belegen, dass derjenige nachhaltigen Erfolg hat, der ein neues Thema setzt, über das danach diskutiert wird.“ Gerhard Schröder sei das 2005 gelungen, als er die Steuerpolitik von Merkels Finanzfachmann Paul Kirchhof als unsozial attackierte, ja sich gab wie der Herausforderer und nicht wie der Kanzler, der er zu dem Zeitpunkt war.

Für überschätzt hält Reinemann die visuelle Komponente – „Das ist ein Mythos“– und das letzte Wort: „Wir konnten nicht feststellen, dass es Abschnitte gab, die mehr oder weniger Bedeutung hatten.“ Die Parteien sehen das anders. Weil man sich nicht einigen konnte, wer die Runde beschließt, wurde eine Münze zwischen Regierungssprecher Steffen Seibert und Steinbrücks Berater Rolf Kleine (SPD) geworfen, die Merkel das Schlussstatement und Steinbrück die Eröffnung bescherte. Der letzte Eindruck ist wohl deshalb nicht so wichtig, weil er gar nicht der letzte ist. Wer profitiert, hängt laut Studien wesentlich an der Nachberichterstattung. Nach dem Duell ist während des Duells. Schnell Deutungshoheit zu erringen ist zentral.

So sollen nicht nur die ausgefeilten Pressemitteilungen schon geschrieben sein; SPD und Union haben je 30Leute nach Berlin Adlershof eingeladen. Prominente und Exegeten, die für Medien als Gesprächspartner sowie als Twitterer und Chatpartner fungieren. Die Analysen dürfte aber noch einer prägen – eine Art unkalkulierbarer Dritter. Wie sich Moderator Stefan Raab schlägt, wird ebenso interessieren wie die Diskussion zwischen Merkel und Steinbrück.

Eine Frage der Erwartungen

Für Raab gilt, was in der SPD auch im Hinblick auf die Erwartungen an ihren Kandidaten zu hören ist: Auf das richtige „Erwartungsmanagement“ komme es an. „Erwartungsmanagement“ – ausgerechnet mit einem Begriff aus dem Wortschatz Angela Merkels bringt die SPD das Duell in Verbindung. Mit allzu großen, ja übermenschlichen Hoffnungen, heißt es in der Partei, schade man letztlich dem Kandidaten.

Wenn Merkel und Steinbrück vor das Millionenpublikum treten, kann von Augenhöhe zunächst keine Rede sein. Seit Steinbrück vor elf Monaten zum Kanzlerkandidaten ausgerufen wurde, hat er erheblich an Reputation verloren. Seine Partei krebst den Demoskopen zufolge nur knapp über ihrem 23-Prozent-Debakel von vor vier Jahren dahin. Genau das erfordert von Steinbrück Höchstleistung. Der Kandidat müsste die Kanzlerin im TV-Duell schlagen, um ihr in den drei Wochen vor der Wahl Paroli bieten zu können. Ein „Sieg“ Merkels vor den Kameras würde Steinbrück und seine Partei weiter schwächen. Doch auch ein „Unentschieden wäre, wegen ihres erheblichen Vorsprungs, ein Punkt für Merkel. „Wir brauchen den Sieg, die anderen brauchen ihn nicht“, lautet die trockene Analyse in der SPD-Spitze. Eine Hauptsorge hat mit dem spontanen Charakter Steinbrücks zu tun. Ehefrau Gertrud gibt ihm den Rat: „Das Einzige, was ich möchte, ist, dass er sich nie provozieren lässt. Man verliert, wenn man sich provozieren lässt.“