Interview

„Steuern nicht zu zahlen ist mir zuwider“

Dirk Roßmann ist reich, weil der Staat einst aufhörte, die Preise für Drogerie-Artikel zu diktieren. Diese Erfahrung prägt ihn bis heute

Mit 25 Jahren eröffnete Dirk Roßmann den ersten Discount-Markt für Drogerieartikel in Deutschland. Heute setzt er mit rund 2800 Märkten in Europa rund sechs Milliarden Euro um. In Deutschland ist seine Kette nach dm die Nummer zwei. Mit Dirk Roßmann sprach Hagen Seidel über Freiheit und Verantwortung – und über den Fall Uli Hoeneß.

Berliner Morgenpost:

Herr Roßmann, Sie haben Ihr Unternehmen Anfang der 70er-Jahre gegründet, als der Gesetzgeber der Wirtschaft zusätzliche Freiheiten gab. Wie wichtig ist Freiheit für einen Unternehmer?

Extrem wichtig, ohne Freiheit geht es nicht. Ich habe damals eins und eins zusammengezählt. 1971 wurde die Preisbindung aufgehoben: Händler bekamen also die Freiheit, für ihre Produkte genau den Preis zu verlangen, den sie für richtig hielten. Das galt auch für Drogerieprodukte wie für Mundwasser oder Zahncreme. Und da ich Drogist gelernt hatte, sah ich eine große Chance. Die Überlegung war, dass nur mit großen Umsätzen die Kosten deutlich gesenkt werden können und es so die Möglichkeit gibt, die Preise sichtbar zu senken. So habe ich die Selbstbedienung, die es im Lebensmittelhandel schon gab, erstmals bei Drogerieartikeln eingeführt. Der Laden war vom ersten Tag an voll.

Ihren wirtschaftlichen Erfolg verdanken Sie also dieser neuen Freiheit?

Zum großen Teil schon. Man kann wirklich sagen, dass Rossmann und alle anderen Drogeriemarktketten, die später kamen, nur deshalb möglich wurden, weil Unternehmern die zusätzliche Freiheit der unabhängigen Preissetzung gewährt wurde. Es war richtig, die Preisbindung aufzugeben.

Wie beurteilen Sie die Arbeit der Bundesregierung?

Ich halte ihre Arbeit in weiten Teilen für gut. Es ist aber problematisch, dass große Teile der Bevölkerung und auch der Politik, die Gefahren der Euro-Krise nicht wirklich erkennen. Vielleicht wollen sie sie während des Wahlkampfes auch gar nicht sehen. Das halte ich für ein sehr großes Risiko. Denn die riesigen Schuldenprobleme einiger Euro-Länder sind noch da und werden auch wieder Thema werden – aber vermutlich erst nach der Wahl. Viele Themen kommen derzeit aus wahltaktischen Gründen nicht hoch.

Kann das die wirtschaftliche Freiheit gefährden?

Die Euro-Krise ist so komplex und auch so gefährlich, dass zumindest die Bundestagabgeordneten in ihrer Mehrheit das Thema besser verstehen sollten, um die Gefährdung dieser Freiheit eben nicht zu riskieren. Aber ich befürchte, dass das nicht so ist.

Was ist eigentlich unternehmerische Freiheit für Sie? Wo sind die Grenzen?

Freiheit verbinde ich auch mit dem Begriff Verantwortung. Ich akzeptiere aus tiefstem Inneren, dass meine Freiheit als Unternehmer und Mitbürger an der Stelle eingeschränkt wird, wo mein eigenes Wohlbefinden auf Kosten anderer geht. Es gibt Grenzen. Ohne diese Beschränkungen geht es nicht, wir müssen Spielregeln akzeptieren. Ich akzeptiere diese Beschränkung. Aber innerhalb dieses Rahmens fühle ich mich frei.

Haben Sie sich als Unternehmer schon immer so frei gefühlt wie als Bürger?

Nein, in den frühen Jahren meiner Unternehmertätigkeit nicht – und damit sind wir schon wieder beim Steuerthema. Meine Steuerbelastung lag damals bei rund 70 Prozent. Ich habe über 50 Prozent Einkommensteuer bezahlt, dazu Gewerbesteuer und Vermögensteuer. Eigenkapital zu bilden war extrem schwierig. Die daraus resultierenden hohen Bankschulden in den Anfangsjahren schränkten meine unternehmerische Freiheit enorm ein. Nach der Jahrtausendwende mit den steuerlichen Erleichterungen der Agenda 2010 wurde es viel leichter, auch für mein Unternehmen Eigenkapital zu bilden.

Mit welchen Folgen?

Heute zahlen Kapitalgesellschaften (GmbH, AG) nur noch etwas über 30 Prozent Steuern, sofern der Gewinn im Unternehmen verbleibt. Entnommener Gewinn muss zusätzlich versteuert werden. Oft bedeutet das, dass große Teile des Gewinns im Unternehmen bleiben. Das führt nicht nur zu einem verbesserten Eigenkapital, sondern damit auch zu sicheren Arbeitsplätzen.

Aber Steuern müssen Sie dennoch zahlen.

Das ist auch absolut in Ordnung. Der Staat hat zahlreiche Aufgaben, die finanziert werden müssen.

Sie hätten also für Dinge, wie sie jetzt Herrn Hoeneß vorgeworfen werden, kein Verständnis?

(atmet kurz durch) Man kann sich ja über alles streiten und öffentlich alle möglichen Steuervorschriften kritisieren. Das ist vollkommen in Ordnung. Aber wenn etwas Gesetz ist, muss es eingehalten werden. Und wenn jemand das nicht akzeptiert, wenn jemand Gewinne nicht versteuert und das Geld stattdessen ins Ausland schafft, kann der nicht mit meiner Toleranz rechnen. Dafür habe ich null Toleranz. Für mich bedeutet ein hohes Einkommen auch die unmittelbare Verpflichtung, etwas für die Gemeinschaft zu tun. Seine Steuern nicht zu zahlen, ist mir zutiefst zuwider.