Bundesregierung

Bye-bye Berlin, Servus Bayern

Die Zeit von VerbraucherministerinIlse Aigner in Berlin geht zu Ende. Ihre Rückkehr nach Bayern inszeniert sie

Es hat sich doch einiges verändert. Einiges seit Ilse Aigner hier vor 20 Jahren in der Kabelbaumfertigung gearbeitet hat. Doch die Verbraucherschutzministerin will an diesem Tag ihr Leben präsentieren. Das Leben eines bayerischen Mädels vom Dorf, das einen Höhenflug hingelegt hat. Auf ihre Zeit in Ottobrunn ist sie bis heute stolz. Eine Frau in einer Männerdomäne. Dass die EADS-Tochter Eurocopter hier keine Hubschrauber mehr baut, findet Aigner schade. Die Produktion ist vor wenigen Jahren nach Donauwörth verlagert worden. Aigner hat das nicht abgehalten herzukommen.

Die CSU-Politikerin inszeniert an diesem Freitag ihre Rückkehr nach Bayern. Rund zwei Dutzend Journalisten haben ihre Einladung angenommen. Bewegen sich einen Tag auf ihren Spuren durch Oberbayern. Es sind Stationen, die von altbayerischer Sinnenfreude künden, die Aigner verkörpern will. Als echte Bayerin aus dem Dorf Feldkirchen-Westerham im Landkreis Rosenheim. Da stehen deftige Brotzeiten auf dem Programm, der Besuch einer Destillerie, ein Abend in einer Klosterbrauerei. Aigner hat an die schönen, die bleibenden Bilder gedacht, als sie in das Bauernhofmuseum des ehemaligen Ski-Stars Markus Wasmeier nach Schliersee eingeladen hat. Ach ja, fit soll ein Politiker heute natürlich auch sein. Also wird die Stümpflingbahn Aigner und ihre Entourage auf den 1506 Meter hohen Stümpfling bringen, von wo aus man ins Tal wandert.

Wo es schön ist in Oberbayern

Natürlich geht es an diesem Tag nicht darum, dass möglichst viele Journalisten Aigners Heimat kennenlernen sollen. Die meisten stammen ohnehin aus Bayern. So uneigennützig handelt kein Politiker. Aigner hofft auf den Effekt, den die Berichte, die Bilder, der große Bahnhof machen werden. Ihre Botschaft: Schaut’s her, ich bin wieder da. Und ich bin überall, wo es schön ist in Oberbayern. Oberbayern wird Aigners politisches Schicksal bestimmen. Sie ist Chefin des Bezirks, des mächtigsten in der CSU von je her. Dass es sie zurück nach Bayern zieht, war bereits ein vertrautes Gerücht, bevor Horst Seehofer sie vor einem guten Jahr als seinen Trumpf im Landtagswahlkampf präsentierte.

Kommendes Jahr wird Aigner 50 Jahre alt. Genau der richtige Zeitpunkt und die vielleicht letzte Gelegenheit, um noch einmal die Chance auf eine Veränderung zu ergreifen und etwas Neues zu wagen. Es war ein gelungener Coup von Seehofer. Eine amtierende Bundesministerin, die seit 1998 im Bundestag sitzt, steigt erklärtermaßen eine Stufe herab, um Landtagsabgeordnete zu werden. Wann hat es das schon einmal gegeben? Es ist ein Schritt, der nicht ohne politische Hintergedanken erfolgt sein kann. Zumal Aigner weder Mann noch Kinder hat, was die Entscheidung nachvollziehbarer gemacht hätte – angeblich hat sie sich kürzlich von einem Mann getrennt, der aber nie in Erscheinung getreten war.

Und so wurde und wird Ilse Aigner seither als die Kronprinzessin von Parteichef Horst Seehofer gehandelt. Keine seiner wichtigen Leute schonte Seehofer in den vergangenen Monaten so sehr wie sie. Markus Söder musste sich Charakterschwächen nachsagen lassen, Christine Haderthauer bekam für ihre Asylpolitik und ihre harsche Art die Leviten gelesen. Bundesminister wie Peter Ramsauer und Hans-Peter Friedrich kritisierte Seehofer als zu zurückhaltend. Aigner wird dagegen hofiert. Und sie bedankt sich, indem sie niemals öffentlich Seehofers Autorität anzweifelt. Als sie kürzlich beim Parteitag der CSU-Oberbayern mit 99,7 Prozent als Vorsitzende wiedergewählt wurde, drückte er ihr ein Küsschen auf die Wange und meinte nur: „Alles klar.“

Doch „alles klar“ ist erst, wenn sie in Oberbayern den Stimmenverlust für die CSU von 2008 wieder ausgleichen kann. Fast 20 Prozent verlor die Partei dort mit dem Ministerpräsidenten Günther Beckstein aus Franken. Da war es vorbei mit der absoluten Mehrheit. Nur ein sehr gutes Ergebnis in dem Bezirk kann diese Scharte auswetzen. Das ist Aigners Pflicht und Aufgabe. Womit sie dann belohnt wird, ist offen. Seehofer schweigt sich aus. Er will nicht den Eindruck erwecken, als sei das Rennen der Kronprinzen und -prinzessinnen schon entschieden. Nachfolgen soll ihm, wer die besten Chancen bei der Bevölkerung hat. Das klingt banal, geht bei Seehofer aber so weit, dass er nach der Wahl die Stimmen für seine Favoriten zählen will.

Das bayerische Wahlrecht ermöglicht es den Wählern, Politiker aus guten Positionen auf schlechte abstürzen zu lassen und umgekehrt, schlechte Platzierungen zu guten werden zu lassen. Seehofers neues Kabinett dürfte deshalb eines der Stimmenkönige sein. Aigner hat gegenüber ihren Mitbewerbern einen Vorteil, sie vertritt einen ländlichen Wahlkreis, wo sich die CSU traditionell leichter tut als in der Stadt. Etwa im SPD-regierten Nürnberg, wo Markus Söder antritt. So könnte Aigner nach der Wahl Wirtschafts- oder Finanzministerin werden.

Fraktionschefin im Landtag

Sehr wahrscheinlich ist auch, dass sie Fraktionschefin im Landtag wird. Damit würde sie es vermeiden, am Ende alten Kabinettskollegen aus Berlin zu begegnen, zu denen sie dann aufschauen müsste. Der Posten ist auch vakant, die derzeitige Amtsinhaberin Christa Stewens tritt nicht wieder an. So könnte Aigner gut ihre bereits bestehenden Netzwerke weiter ausbauen und die Erste werden, die aus dieser Position heraus dereinst den Ministerpräsidenten beerbt. Dass sie als Netzwerkerin Talent hat, zeigt die Charakterisierung durch ihre Konkurrentin Haderthauer, die Aigner – etwas zweideutig – als „teambildend“ bezeichnet. Aigner hat bisher nichts ausgeschlossen. Erwartet wird allerdings, dass sie nicht Landwirtschaftsministerin wird. Das wäre ein Abstieg. Dafür ist sie zu ehrgeizig.

Noch ist Aigner Bundestagsabgeordnete und Bundesministerin. Der Abschied aus diesem alten Leben erfolgt in Etappen: das letzte Sommerfest, das letzte Fraktionstreffen, die letzte Landesgruppensitzung. Vor wenigen Tagen erst hat sie mit Bundeskanzlerin Angela Merkel auf der Ostseeinsel Riems ein neues Forschungslabor eingeweiht. Den Rückflug im Helikopter hat sie genutzt, um ein letztes Mal die Aussicht auf die mecklenburgische Weite zu genießen. Die Zeit in der Bundespolitik hat sie gelehrt, wie vielfältig Deutschland ist, nicht was die Landschaften zwischen Braderup und Berchtesgaden betrifft, sondern auch die unterschiedlichen Mentalitäten der Menschen.

Ihre Wohnung in Berlin hat Aigner bereits aufgegeben, die Umzugskisten zu Hause in Feldkirchen-Westerham schon wieder ausgeräumt. Sie genießt die Nähe zu den Bergen, zu Freunden und Familie. Vor allem freut sie sich darauf, wieder „einen festen Anker“ zu haben und nicht mehr pendeln zu müssen. Auch wenn das Leben in zwei Welten durchaus seinen Reiz hatte: Berlin ist ihr in all den Jahren nie zu einer zweiten Heimat geworden. Dafür sind ihre bayerischen Wurzeln viel zu stark.

Fast 30 Jahre ist es her, dass sie zum ersten Mal in Berlin vor der Mauer stand und in Richtung Osten auf das Brandenburger Tor schaute. Damals war sie gerade in die Junge Union eingetreten, und die bedrückende Atmosphäre in der geteilten Stadt habe sie nur noch mehr darin bestärkt, sich politisch zu engagieren. Von 1994 bis 1998 war sie Mitglied des Bayerischen Landtags. 1998 zog sie in den Bundestag ein, erst in Bonn und dann in Berlin. Aigner erlebte diesen Wechsel von Bayern in den Bund, von der absoluten Mehrheit in die Opposition als einen „Kulturschock“.