Fernsehen

„Es war nicht mutig, sondern einfach“

James Kirchick sollte im russischen TV über Bradley Manning sprechen. Doch er greift Putin an

James Kirchick ist nicht unvorbereitet in die Schlacht gezogen. Für seinen Live-Auftritt im russischen Staatsfernsehen hat der US-Journalist ein frisch gebügeltes lachsfarbenes Hemd gewählt und eine Hornbrille, die ihm optische Seriosität verleiht. Allein ein Dschungel aus Pflanzen im Hintergrund des Bildes deutet an, dass dies keine ganz gewöhnliche Schalte zu einem Korrespondenten im Ausland würde. Er könne nicht schweigen „im Angesicht des Bösen“, sagte der aus Stockholm zugeschaltete Reporter, der eigentlich eine Einschätzung über das Urteil gegen den US-Informanten Bradley Manning abgeben sollte – und stattdessen die Moderatoren des englischsprachigen Staatskanals „Russia Today“ vorführte.

Als der 30-Jährige groß im Bild ist, zieht er plötzlich Hosenträger in Regenbogenfarben hervor, lässt sie geräuschvoll auf die Schultern schnalzen und legt mit einer unerwarteten Wutrede los. „Ich verurteile auf diesem vom Kreml finanzierten Propagandasender dieses schreckliche Gesetz, das Wladimir Putin unterzeichnet hat.“ Eine kürzlich von der Duma verabschiedete Vorlage verbietet offiziell sogenannte homosexuelle Propaganda – „in Wirklichkeit aber kriminalisiert das Gesetz Schwule und befördert Hass und Gewalt gegen sie“, sagt Kirchick live, während der Moderatorin das Gesicht gefriert. Den „Russia Today“-Journalisten gelingt es nicht, Kirchicks Redefluss zu stoppen, und sie müssen sich vor laufender Kamera fragen lassen, wie sie die Arbeit für einen Kreml-Sender mit ihrem Gewissen vereinbaren können. Am Ende weiß der Sender sich nicht anders zu helfen und bricht die Schalte einfach ab.

Russland wird seit Monaten weltweit kritisiert wegen des Gesetzes, das positive Äußerungen über Homosexualität in der Öffentlichkeit oder in Anwesenheit von Minderjährigen unter Strafe stellt. „Die Rahmenbedingungen für Homosexuelle in Russland sind einfach nicht hinnehmbar“, sagt Kirchick, der selbst schwul ist, im Gespräch mit der Berliner Morgenpost. Als Journalist habe er die Verantwortung, mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln gegen solche Umstände zu protestieren. Die Interviewanfrage aus Moskau kam ihm da gerade recht. „Bisher habe ich Auftritte in diktatorischen Propagandasendern immer abgelehnt, weil ich diesen Leuten keine Legitimation verschaffen will“, sagte Kirchick, der als freier Journalist für verschiedene Medien wie die „Washington Post“ oder das „Wall Street Journal“ arbeitet und derzeit in Berlin lebt.

Als er erfuhr, dass die Sendung in Moskau tatsächlich live stattfinden sollte, plante er seine Guerilla-Einlage. Für gewöhnlich werden Diskussionen auf staatlichen und staatsnahen Sendern in Russland aufgezeichnet, wenn potenzielle Kreml-Kritiker eingeladen sind. So kann man Unangenehmes später herausschneiden. Der englischsprachige Sender „Russia Today“ richtet sich jedoch an ein ausländisches Publikum und arbeitet darum freier. Allein in Großbritannien soll er 1.272.000 Zuschauer im Monat haben.

Genau dieses Prinzip plante Kirchick zu sabotieren. „Ich wollte die Leute von diesem Sender beschämen und öffentlich machen, was da eigentlich abläuft“, erklärt er. Die Anfrage von „Russia Today“ erreichte ihn, als er gerade auf Urlaub in Stockholm war. Sofort machte er sich in der schwedischen Hauptstadt auf die Suche nach Regenbogenutensilien, die symbolisch für die Schwulenbewegung stehen. Schließlich findet er am Wühltisch eines Secondhand-Ladens die Hosenträger in Regenbogenfarben.

Die Reaktion auf die staatlich gesendete Kreml-Kritik blieb nicht aus. Vor allem Schwule aus Russland meldeten sich bei Kirchick und bedankten sich bei ihm für seine Unterstützung. Dass er nun vielerorts für seinen Mut gerühmt wird, ist dem Amerikaner hingegen unangenehm. „Was ich getan habe, war nicht mutig, sondern genau genommen ziemlich einfach“, sagt er im Rückblick. Die eigentlichen Mutigen seien die Schwulen und Lesben in Russland, die offen zu ihrer Sexualität stünden und dadurch die eigene Sicherheit gefährdeten.