Wahlen

Warum Merkel noch zittern muss

Die Union steht einen Monat vor der Wahl glänzend da. Doch das war auch früher schon so

Vier Wochen vor einer Wahl ist die Scheinsicherheit der demoskopisch führenden Partei am größten. Niemand weiß das besser als Bundeskanzlerin Angela Merkel. Seit 20 Jahren hat es nicht eine einzige Bundestagswahl gegeben, bei der die Union im Vergleich zu den Umfragen einen Monat vor dem Urnengang Stimmen hinzugewonnen hätte. Seit 1990, also unmittelbar nach der Wiedervereinigung, hat die CDU/CSU immer Stimmen verloren – zwischen 0,9 Prozentpunkten (1994) und 6,8 Prozentpunkten (2005).

60 Großveranstaltungen

Das mag den Grund haben, dass gerade die Funktionsträger der beiden Schwesterparteien dazu neigen, sich den kommenden Wahlsieg einzureden. Merkel hat mit allergrößter Absicht in den letzten vier Wochen des Wahlkampfes fast 60 Großveranstaltungen angesetzt. Zweimal, in den Wahlkämpfen 2002 und 2005, hat sich der Wind im letzten Monat vor dem Tag der Abstimmung sogar entscheidend gedreht. 2002 kostete dies dem Kandidaten Edmund Stoiber (CSU) die Kanzlerschaft. 2005 wäre um ein Haar die Karriere Angela Merkels beendet gewesen. Merkel zog den Schluss: Vier Wochen vor dem alles entscheidenden Tag ist die Gefahr, am Wahlabend ein bitteres Erwachen zu erleben, realer als in den ganzen vier Jahren seit der jeweils letzten Bundestagswahl. Kann das am 22. September wieder passieren?

Es kann durchaus. Die Zahlen für die Bundeskanzlerin und CDU-Vorsitzende sind zwar exzellent. Der Abstand zwischen ihr und dem SPD-Herausforderer Peer Steinbrück bei der Frage, wen die Deutschen lieber zum Regierungschef haben würden, ist höher als bei jeder anderen Wahl seit 1990 – ausgenommen 2009. Da waren die Zahlen für Frank-Walter Steinmeier noch schlechter als heute für Peer Steinbrück.

Der Abstand zwischen Amtsinhaberin und Herausforderer war 2009 noch nie so hoch, seit die Forschungsgruppe Wahlen diesen Wert 1977 angefangen hatte zu messen – und trotzdem verlor die CDU/CSU am Wahltag dann im Vergleich zu den Umfragen vier Wochen vorher 3,2 Prozentpunkte, statt bei der tatsächlichen Entscheidung noch zuzulegen. Die Erwartung, Merkel bleibe Kanzlerin, ist mit rund 80 Prozent vier Wochen vor dem Wahltag 2013 genauso hoch wie vier Wochen vor der Abstimmung 2009. Ebenso eindeutig sind die Zahlen bei der Frage, welche Koalition nach dem 22. September die Regierung stellen werde. Das von Peer Steinbrück favorisierte Modell Rot-Grün landet weit abgeschlagen hinter Schwarz-Gelb und Schwarz-Rot. Das war 2009 genauso, in den vorangegangenen Wahlen aber nicht. Nur 1998 erzielte Rot-Grün einen ähnlich hohen Erwartungsbonus.

Aber andere Zahlen sind für Angela Merkel eine Gefahr. Am bedrohlichsten für sie ist die hohe Zahl der unentschlossenen Wähler – einschließlich derer, die sich vorstellen können, am 22. September doch noch für eine andere Partei als die im Moment von ihnen genannte zu stimmen. Sie liegt diesmal bei knapp der Hälfte der Wähler. Das war zwar auch 1998 so, als Rot-Grün dann doch mit großem Vorsprung die Ära von Bundeskanzler Helmut Kohl beendete.

Aber die damalige Lage ähnelte in gewisser Hinsicht der heutigen: Es gab außenpolitische Krisen um Russland und in der Weltwirtschaft, so wie jetzt im Nahen Osten und um die Gemeinschaftswährung Euro. Einige Meinungsforscher schlossen damals nicht aus, dass die Wähler in letzter Minute womöglich doch noch wieder auf Kohls internationale Autorität setzen könnten.

Wenige Wähler in Sorge

Eine noch dringendere Warnung für Merkel sind die Zahlen, die ihr vier Wochen vor der Wahl 2005 geweissagt wurden. Da stand die Union bei einem Wert wie zuletzt vor dem Mauerfall im Westen. 60 Prozent der Wähler rechneten mit einem Wahlsieg Merkels, nur noch acht Prozent mit einem Triumph für den damaligen Kanzler Gerhard Schröder. Es war der höchste gemessene Abstand bei der Frage „Wer wird gewinnen?“ seit Helmut Kohls Wahlsieg 1983. Wähler und Funktionsträger begannen sich auf den Werten auszuruhen.

Und das, obwohl ein anderer Zahlentrend Gefahr im Verzuge signalisierte. Zwischen 50 und 70 Prozent der Befragten lehnten die Kernpunkte des Wahlprogramms der Unionsparteien ab. Mit fast 40 Prozent fürchteten die Befragten zudem von CDU und CSU am stärksten, in ihrer persönlichen Lebensführung eingeschränkt zu werden. Merkel gewann die Wahl nur mit hauchdünnem Vorsprung. Heute sind zwar nur wenige Wähler in Sorge, wenn sie die Programmatik der CDU betrachten. Aber das sind sie beim Blick auf die SPD-Vorhaben auch.