Syrien

„Eine schockierende Eskalation“

Opposition: 1300 Tote nach Giftgas-Angriff in Syrien. London will UN-Sicherheitsrat einschalten

Die syrische Opposition wirft den Regierungstruppen den Einsatz von Giftgas und die Tötung von bis zu 1300 Menschen vor. Mit Nervengas bestückte Raketen seien vor dem Morgengrauen in mehreren Vororten der Hauptstadt Damaskus eingeschlagen, erklärten Regierungsgegner am Mittwoch. Eine Oppositionsgruppe sprach von 494 Toten bei dem Bombardement. 90 Prozent der Opfer seien durch Nervengas umgekommen, der Rest durch Bomben und andere Waffen. Eine unabhängige Bestätigung gab es dafür zunächst nicht.

Regierung bestreitet Gas-Einsatz

Andere Gruppen setzten die Zahl der Toten mit bis zu 1300 noch deutlich höher an. Die Armee von Präsident Baschar al-Assad bestritt den Einsatz von Giftgas. Deutschland, Großbritannien und Frankreich forderten die UN-Inspektoren in Damaskus auf, die Anschuldigungen zu untersuchen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte am Mittwoch auf einer Veranstaltung der „Stuttgarter Zeitung“, es handele sich offensichtlich um ein entsetzliches Verbrechen. Es sei noch nicht klar, was passiert sei. Das müssten unabhängige Experten klären. Russlands Außenamtssprecher Alexander Lukaschewitsch sagte hingegen, die Vorwürfe gegen Assads Regierung seien ein Versuch, den UN-Sicherheitsrat auf die Seite der Regimegegner zu ziehen und damit die Bemühungen für eine Syrien-Friedenskonferenz zu untergraben. US-Präsident Barack Obama hatte den Einsatz von Giftgas in der Vergangenheit als rote Linie bezeichnet und vor Konsequenzen gewarnt. Sollten sich die Vorwürfe bestätigen, wäre es der schwerste Chemiewaffenangriff seit 1988, als der irakische Staatschef Saddam Hussein Tausende Kurden in der Stadt Halabdscha mit Giftgas tötete.

Die Kliniken im Osten von Damaskus meldeten mindestens 213 Tote, wie die Krankenschwester einer Notfallsammelstelle berichtete. „Unter den Opfern sind viele Frauen und Kinder“, sagte sie. „Sie kamen mit geweiteten Pupillen, kalten Gliedmaßen und Schaum im Mund hier an. Die Ärzte sagen, dies seien typische Symptome von Nervengasopfern.“

Eine Oppositionsgruppe in Damaskus berichtete, eine riesige Zahl von Menschen sei dem Gas ausgesetzt worden. Die Menschen seien erstickt.

Im Internet tauchten zahlreiche Amateurvideos und Fotos auf. Ein Film, der angeblich im Viertel Kafr Batna aufgenommen wurde, zeigte ein Zimmer mit mehr als 90 Leichen, darunter viele Kinder sowie Frauen und ältere Männer. Die Haut der Toten wirkte kreidebleich, Verletzungen waren jedoch nicht zu sehen.

Bei vielen Toten handele es sich um Rettungskräfte, die den Opfern des Bombardements hätten helfen wollen und dann selbst vom Giftgas getötet wurden, sagte ein Angehöriger der Rebelleneinheit Ahrar al-Scham im Bezirk Erbin östlich von Damaskus. „Wir haben Männer gefunden, die in Treppenhäusern oder Eingängen zusammengebrochen waren“, sagte der Aufständische, der sich Abu Nidal nannte, über den Internetdienst Skype. Keiner der Rebellen habe einen Giftgaseinsatz erwartet – besonders nicht mit den UN-Chemiewaffeninspektoren in der Stadt.

Auch Experten zeigten sich von Zeit und Ort des angeblichen Giftgasangriffs überrascht. Nur drei Tage zuvor waren die Chemiewaffeninspektoren in ein wenige Kilometer entferntes Hotel in Damaskus eingezogen. „Es wäre sehr seltsam, wenn die syrische Regierung ausgerechnet in dem Moment zu solchen Mitteln greifen würde, wenn die Beobachter im Land sind“, sagte der ehemalige schwedische Diplomat Rolf Ekeus, der in den 90er-Jahren ein Team von UN-Waffeninspektoren geleitet hatte. „Zumindest wäre es nicht sonderlich schlau.“

Großbritannien zeigte sich zutiefst besorgt und appellierte an die syrischen Behörden, die UN-Experten den Ort des Geschehens inspizieren zu lassen. Sollten sich die Anschuldigungen bestätigen, wäre dies eine „schockierende Eskalation“, sagte Außenminister William Hague. Großbritannien werde den Vorfall zum Thema beim UN-Sicherheitsrat machen. Das Auswärtige Amt in Berlin erklärte, es habe keine eigenen Erkenntnisse zu den Giftgasvorwürfen.

USA lehnen Militärschlag ab

Syrien zählt zu den wenigen Ländern, die den internationalen Vertrag zum Verbot von Chemiewaffen nicht unterzeichnet haben. Der Westen geht davon aus, dass das Land über große Lager von Senfgas, Sarin und VX-Nervengas verfügt. Frühere Giftgasvorwürfe hatte die syrische Regierung bestritten und mit der Aussage gekontert, es seien die Rebellen, die diese Kampfstoffe einsetzten.

Die US-Regierung lehnt auch eng begrenzte Militärschläge zugunsten der Rebellen weiter kategorisch ab. Viele der Aufständischen verfolgten nicht die Interessen der USA, schrieb der US-Oberbefehlshaber, General Martin Dempsey, zur Begründung in einem Brief an einen Kongressabgeordneten. Zwar könnte die US-Armee problemlos die syrische Luftwaffe lahmlegen, doch würde dies die USA erneut tief in einen Krieg in der arabischen Welt stürzen – ohne langfristige Strategie für einen Frieden in einem von ethnischen und religiösen Spannungen zerrissenen Land. Der Bürgerkrieg sei „tragisch und komplex“, bilanzierte Dempsey. Es sei möglich, dass verschiedene Gruppen auch nach einem Sturz Assads weiter um die Vorherrschaft in dem Land kämpfen werden.