Verhaftung

Indien fasst den einarmigen Bombenbauer

Tunda ist für 51 Bluttaten verantwortlich. Im Gefängnis erzählt er von seiner Tätigkeit für pakistanische Terroristen

Am vergangenen Freitag wurde ein einarmiger Mann mit flammend rotem Bart an Indiens durchlässiger Landesgrenze zu Nepal verhaftet. Dort ist laut indischen Geheimdiensten seit sechs Monaten eine Reihe von islamistischen Terrorcamps entstanden. Syed Abdul Kareem, Spitzname Tunda, war Schrotthändler, Textilkaufmann und auch Tischler von Beruf.

Doch keine dieser Tätigkeiten ist der Grund, weshalb der 70-Jährige – der in der Unterwelt Mumbais, Dubais und Karatschis schlicht als Tunda, der Einarmige, bekannt ist – seinen linken Arm verloren hatte: Nach einer angeblichen Schulung durch den pakistanischen Geheimdienst ISI hatte Tunda die Herstellung von Bomben gemeistert – bei einem der insgesamt 51 von ihm geplanten und ausgeführten Anschläge in Indien hatte er einen schweren Unfall. Die Klageschrift gegen Tunda, der Bomben sogar aus Lebensmitteln wie Schokolade und Zucker herstellen kann und einer von Indiens 20 meistgesuchten Kriminellen war, besagt: Der indische Terrorist, der bei seiner Verhaftung einen pakistanischen Pass vorgelegt hatte, arbeitet nach eigenem Eingeständnis für die in Pakistan ansässige Terrorgruppe Lashkar-e-Tayyaba (LeT), die für Dutzende Terroranschläge – einschließlich für die in Mumbai in 2008 mit 166 Toten–zuständig war. Tunda ist auch der Hauptangeklagte bei dem erstmaligen Anschlag auf einen buddhistischen Schrein im Osten Indiens Anfang Juli.

Er motiviert den Nachwuchs

Am Wochenende verriet Tunda in seiner Zelle in Neu-Delhi dem indischen Geheimdienst, er habe die wichtige Verbindung zwischen LeT-Chef Hafiz Mohammed Sayeed und dem Drogenkönig Dawood Ibrahim ermöglicht. LeT brauchte Finanzmittel, dank der Hilfe Tundas stellte ihr sie Ibrahims D-Company zur Verfügung. Ibrahim ist der „Pate“ der Unterwelt Mumbais. Als Waffenhändler und Auftragsmörder ist der in Dubai und Karatschi lebende Ibrahim bestens mit islamistischen Organisationen vernetzt. Er wird seit Jahrzehnten von Interpol und Indiens Geheimdiensten gesucht. Tunda bestätigte bei seiner Vernehmung, dass Ibrahim von Pakistans Geheimdienst ISI geschützt wird.

In Pilkhua, Tundas kleiner nordindischen Heimatstadt, nahm dessen Familie die Nachricht seiner Verhaftung erleichtert entgegen. „Schon als Kind war er bekannt für seine Unehrlichkeit, und mein Vater glaubte, die bösen Geister hätten ihn erwischt“, sagte Tundas Bruder Abdul Malik. Als bekannt wurde, dass Tunda auch in die Anschläge in Mumbai im Jahr 1993 verwickelt war, hatten ihn seine zwei Ehefrauen Zarina und Mumtaz sowie sechs Kinder verlassen. Bis heute wird die Familie aber von vielen Bürgern verachtet. Ein Grund, weshalb sie „froh ist, ihn loszuwerden“.

Bomben baut der 70-jährige Terrorist aus Altersgründen nicht mehr. Laut Quellen im indischen Geheimdienst, der ihn verhört, soll er nun vor allem als „religiöser Aufmunterer“ und „Motivator“ für Nachwuchs-Dschihadisten tätig sein, der Jugendliche zum Heiligen Krieg im Namen der weltweit „unterdrückten“ Muslime anstacheln will. So tüchtig sei Tunda dabei, dass er bereits ein Netzwerk von militanten Islamisten in Pakistan, Indien, Nepal, Bangladesch, Birma und Indonesien aufgebaut habe.

Seit den Anschlägen in Mumbai 2008 liegen die Friedensgespräche zwischen Indien und Pakistan auf Eis. LeT-Chef Sayeed hatte kürzlich in einer Ramadan-Rede neue Anschläge in Indien angekündigt. Neu-Delhi wiederum hat seine Verhaftung – und die von Drogenkönig Ibrahim – zur Bedingung für die Wiederaufnahme von Gesprächen und Wirtschaftsbeziehungen mit Islamabad gemacht. Die Verhaftung einer wichtigen Informationsquelle wie Tunda allein bedeutet hingegen keine baldige Rückkehr zu Verhandlungen zwischen den beiden Atommächten. Tunda zeigt sich laut einer Zeitung trotz Inhaftierung ziemlich selbstsicher. Seine bisherigen Gräueltaten verleugnet er nicht – noch bereut er sie. Gegenüber der Polizei soll der einarmige Fanatiker bereits angekündigt haben: „Wenn ich wieder frei bin, werde ich wieder tun, was ich tun muss.“