Fachkräftemangel

Die Besten nach Deutschland

Sogar Horst Seehofer schwenkt bei der Zuwanderung um. Experten fordern Anwerbung aus Nicht-EU-Staaten

Für CSU-Chef Horst Seehofer sind die personalbedingten Betriebsstörungen bei der Deutschen Bahn in Mainz nur die Vorstufe für ein grundlegendes Problem, das auf Deutschland zurollt. „Ob bei der Polizei, bei Pflegeberufen, der Bundeswehr oder der Berufsfeuerwehr: Es wird wegen des Geburtenrückgangs einen härteren Wettbewerb um qualifizierte junge Leute geben“, sagte Bayerns Ministerpräsident am Sonntag. Weil in Deutschland zu wenige junge Menschen lebten, müsse man verstärkt Zuwanderer aus anderen europäischen Ländern anwerben.

Auch die Koalitionspartner CDU und FDP setzen angesichts des demografischen Wandels auf ausländische Fachkräfte. Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Maria Böhmer (CDU), hält es allerdings für nötig, stärker als bisher auch außerhalb Europas um Zuwanderer zu werben. „Wir müssen hier noch offensiver werden“, sagte die Staatsministerin im Kanzleramt der Berliner Morgenpost. Zwar habe Deutschland in den vergangenen Jahren die Hürden für qualifizierte Migranten deutlich gesenkt. Doch in Asien und anderen Regionen der Welt sei das Bild von Deutschland noch immer von der früheren restriktiven Haltung geprägt. Deshalb müssten Außenhandelskammern, Konsulate, die Goethe-Institute und die Bundesagentur für Arbeit in Nicht-EU-Ländern ihre Anwerbebemühungen noch verstärken.

Die FDP warnte ebenfalls davor, den Blick nur auf die innereuropäische Zuwanderung zu verengen. Zwar profitiere Deutschland derzeit stark von dem Zustrom an Fachkräften aus Krisenländern wie Spanien oder Italien, sagte der Arbeitsmarktexperte der Liberalen, Johannes Vogel. Doch fast alle EU-Staaten hätten ähnliche demografische Probleme wie Deutschland. „Die europäische Wanderung wird deshalb nicht ausreichen, um den drohenden Fachkräftemangel zu lindern.“

Einstiegsgehalt von 35.000 Euro

Um im internationalen Wettkampf um die klügsten Köpfe besser abzuschneiden, sollte sich Deutschland ein Beispiel an Ländern wie Kanada oder Australien nehmen und ein Punktesystem in Zuwanderung einführen. In Deutschland benötigen die Bewerber aus Drittstaaten in der Regel ein konkretes Arbeitsangebot. Die klassischen Einwanderungsländer lassen dagegen alle Personen einwandern, die in den entscheidenden Kriterien Qualifikation, Sprachfähigkeiten und Alter genügend Punkte erreichen. Die vor einem Jahr eingeführte Bluecard ist nach Ansicht Vogels „ein Schritt in die richtige Richtung, dem in den nächsten Jahren noch weitere folgen müssen“.

Vor einem Jahr hat die Bundesregierung die Bluecard eingeführt, mit der Akademiker aus Nicht-EU-Ländern nach Deutschland einwandern können. Bis Ende Juni wurden knapp 9000 Bluecards ausgegeben. In 70Prozent dieser Fälle waren die Personen allerdings bereits in Deutschland – oft als Studenten – und haben somit lediglich ihren Aufenthaltsstatus geändert. Lediglich jeder Dritte kam über die neue Regelung ins Land. Kritiker mahnen, dass das vorgeschriebene Mindestgehalt, das ein Einwanderer in Deutschland verdienen muss, mit 46.600 Euro brutto im Jahr zu hoch ist. Schließlich liegt das durchschnittliche Einstiegsgehalt eines Hochschulabsolventen hierzulande mit rund 35.000 Euro brutto deutlich niedriger. FDP-Politiker Vogel fordert denn auch eine flexiblere Regelung. Bislang sei die Bluecard zu sehr an Akademiker ausgerichtet. Es müsse aber möglich sein, flexibel auf den steigenden Fachkräftebedarf in verschiedenen Berufen zu reagieren, sagte Vogel.

Staatsministerin Böhmer warnte davor, für Studenten aus Drittländern Studiengebühren einzuführen, wie dies von den Grünen in Baden-Württemberg erwogen wird. „Dieser Vorstoß ist absolut kontraproduktiv“, sagte die CDU-Politikerin. „Nötig sei eine Willkommenskultur, um das Land attraktiver für Zuwanderer zu machen, und keineswegs neue Hürden.“ Die Bundesregierung habe deshalb gerade erst die Bleibemöglichkeiten für ausländische Studenten erweitert. Nach dem Abschluss hätten sie jetzt 18 Monate lang Zeit zur Jobsuche und könnten während dieser Zeit uneingeschränkt erwerbstätig sein. Gerade diese Gruppe sei für die hiesige Wirtschaft hochinteressant.

Nur eine Notlösung

Der Direktor des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung, Reiner Klingholz, sagte: „Das Studium ist ein extrem wichtiger Kanal für Drittstaatler, der nicht gefährdet werden sollte.“ Dass Hochschulen hierzulande keine Gebühren verlangten, mache sie für Zuwanderer interessant. Diesen Wettbewerbsvorteil dürfe man nicht aufs Spiel setzen, so Klingholz. „Wer hier studiert hat, ist bestens integriert und ausgebildet, und wir sollten deshalb alles daransetzen, diese Menschen hier zu halten“, mahnte der Wissenschaftler. Ausländische Studenten seien ein wichtiger Bestandteil einer langfristig angelegten Zuwanderungsstrategie.

Der Demografieexperte sieht die derzeit starke Wanderung aus den EU-Krisenländern nach Deutschland als sinnvolle Notlösung an, die helfe, die Arbeitslosigkeit in Südeuropa zu senken und Engpässe zu lindern. Doch viele der Europäer, die jetzt einwanderten, kehrten zurück, wenn sich die wirtschaftliche Lage in ihren Heimatländern wieder bessert, sagte Klingholz. „Deutschland braucht deshalb eine langfristige Strategie, die neben der Hin-und-Her-Wanderung innerhalb Europas auch verstärkt Zuwanderung aus Drittländern vorsieht.“ Denn auf längere Sicht gebe es nur dort ein ausreichendes Potenzial an jungen Menschen.