Interview

„Eine Kultur des Schweigens“

Deutsche-Bahn-Chef Rüdiger Grube über ängstliche Mitarbeiter, verschobene Urlaube und das Chaos am Hauptbahnhof von Mainz

Im Mainzer Hauptbahnhof fallen Züge aus oder halten gar nicht, weil ein Stellwerk der Deutschen Bahn weitgehend lahmgelegt ist – von den verantwortlichen Fahrdienstleitern sind viele krank oder im Urlaub. Binnen Tagen wurde das zum größten Imageproblem des Staatskonzerns seit Jahren. Nikolaus Doll und Olaf Gersemann sprachen mit Bahnchef Rüdiger Grube üder

Berliner Morgenpost:

Herr Grube, wann und wo haben Sie von den Zuständen in Mainz erfahren?

Rüdiger Grube:

Ich war gerade in den Urlaub ins Ausland aufgebrochen.

Und sind dort aus allen Wolken gefallen?

Ich habe mir sofort ein Bild verschafft und mich Sonntag vergangener Woche entschieden, meinen Urlaub am Montag vorzeitig zu beenden. Ich kann unsere Mitarbeiter nicht bitten, ihren Urlaub vielleicht zu verschieben, wenn ich selbst nicht mit gutem Beispiel vorangehe. Gleichzeitig denke ich natürlich auch an unsere Kunden. Hier entschuldige ich mich ausdrücklich für die entstandenen Probleme.

Sie sind mit als Erstes in das Krisen-Stellwerk Mainz gefahren, um mit den Mitarbeitern zu reden. Wie wurden Sie dort empfangen? Mit Pfiffen?

Nein, gar nicht. Ganz im Gegenteil. Sehr freundlich. So nach der Art: „Schau an, der kommt sogar persönlich vorbei.“ Es wurde als Wertschätzung gesehen.

Und was haben Ihnen die Stellwerker dann konkret über die Probleme vor Ort erzählt?

So einiges. Beispielsweise war bei ihnen in der Region geplant gewesen, die Technik zu modernisieren und danach mit weniger Mitarbeitern auszukommen. Nun, die Modernisierung wurde nach ihren Angaben verschoben, der Personalabbau aber, den eigentlich erst die neue Technik ermöglicht, wurde teilweise umgesetzt. Das logische Ergebnis ist Personalmangel. Die Mitarbeiter in Mainz sagten auch ganz offen und ehrlich, dass die Alarmsignale, die sie über Monate hinsichtlich der angespannten Personalsituation gegeben hätten, offenbar nicht mit der notwendigen Ernsthaftigkeit verfolgt wurden. Dem werden wir nachgehen.

Stimmt es, dass die Betriebsräte seit 28 Monaten Alarm schlagen und auf Unterbesetzung bei den Fahrdienstleitern hinweisen?

Ich weiß, dass die Arbeitnehmervertreter in einer Aufsichtsratssitzung der Konzerntochter DB Netz schon vor längerer Zeit das Problem angesprochen haben.

Und nichts ist passiert?

Doch, das Problem wurde untersucht. Es gibt einen Brief des damaligen und mittlerweile erneuerten Vorstands von DB Netz vom Januar dieses Jahres, in dem Handlungsbedarf anerkannt wird. Allerdings heißt es in dem Schreiben auch, der Personalmangel sei nur kurzfristig aufgetreten und meist rasch ausgeglichen worden. Und: Die Sicherheit des Bahnbetriebs sei immer gewährleistet gewesen; mit den eingeleiteten Maßnahmen werde es 2013 keine Probleme geben.

Nun wissen wir es besser, den zuständigen Manager haben Sie geschasst. Ist das Problem damit gelöst?

Nein. Wir haben bundesweit etwa 12.500 Fahrdienstleiter. Die haben im Durchschnitt 80 Überstunden pro Person. Die halbwegs abzubauen, dauert seine Zeit. Aber dass sie sich überhaupt aufbauen konnten, obwohl die betroffenen Mitarbeiter gewarnt hatten, das zeigt, dass Informationen nicht schnell genug im Vorstand ankommen. Da gibt es offenbar immer auch noch eine Kultur des Schweigens, gegen die ich schon seit Jahren ankämpfe. Wir müssen unseren Mitarbeitern die Angst nehmen, damit sie sich zu Wort melden, wenn etwas schiefläuft, und damit das dann auch weitergeleitet wird.

Woher rühren diese Ängste?

Da gibt es mehrere Themen: Den nicht gelungenen Börsengang zum Beispiel, in dessen Sog teilweise wohl ungute Gefühle entstanden, wenn man glaubte, nicht auf Linie zu sein. Oder die Datenaffäre, die den Leuten wohl immer noch etwas in den Knochen steckt, auch wenn die Bahn heute top beim Datenschutz ist.

Das ist Jahre her. Sie sind seit 2009 Bahn-Chef und damit maßgeblich für das Klima im Konzern zuständig und verantwortlich.

Um da das Ruder rumzureißen und die Unternehmenskultur hin zu mehr Offenheit zu entwickeln, braucht man Zeit, viele, viele Jahre dauert so etwas. Wir sind hier schon ein sehr gutes Stück vorangekommen, aber noch lange nicht am Ziel.

Wie weit sind Sie bisher gekommen?

Bei Dutzenden von Konferenzen hat der Vorstand persönlich mit insgesamt Zehntausenden Mitarbeitern diskutiert. Jede Führungskraft macht mit ihren Mitarbeitern regelmäßige Workshops. Nicht ohne Wirkung: Bei einer Umfrage zur Mitarbeiterzufriedenheit sind wir auf einer Skala von Eins bis zur Bestnote Fünf auf einen durchschnittlichen Wert von 3,6 gekommen. Das war besser als erwartet, ist aber weiß Gott noch nicht gut genug.

Jetzt gibt es erst mal mehr Druck: Sie haben Mitarbeiter persönlich angerufen und gefragt, ob sie ihren Urlaub verschieben, damit es in Mainz wieder läuft. Ist das angesichts der unzähligen Überstunden und bereits verschobener Urlaube angemessen?

Hier von Druck zu reden ist absolut falsch. Es war richtig, es ist richtig, und ich würde es genau so wieder machen. Wir haben hier eine Ausnahmesituation. Da darf nicht lange gefackelt werden. Ich habe keinerlei Druck gemacht und auch niemanden angerufen, der sich bereits im Urlaub befindet. Ich habe acht Fahrdienstleiter aus Mainz angerufen und sie gebeten zu überlegen, ihren für September und Oktober geplanten Urlaub zu verschieben, bis wir im November qualifizierte Verstärkung bekommen. Ausdrücklich habe ich gesagt: Alle sollten erst mal in Ruhe darüber schlafen und das mit ihren Familien besprechen. Die Reaktion war ganz überwiegend positiv, die Mitarbeiter hätten nicht gedacht, dass man so persönlich auf sie zugeht.

Wie viele machen mit?

Weit über die Hälfte. Ein paar überlegen noch.

Ärgert Sie das? Immerhin zieht das eine Lösung in Mainz in die Länge.

Nein. Was mich ärgert, ist die Tatsache, dass ein Problem wie in Mainz die tägliche Leistung Zehntausender Bahn-Mitarbeiter in Misskredit bringt. Hier wird tagtäglich Hervorragendes geleistet. Ich bitte darum, die Arbeit unserer Mitarbeiter nicht in den Wahlkampf zu ziehen. Natürlich muss über Verkehrspolitik gestritten werden, aber nicht auf Kosten der Eisenbahner.

Vier Jahre haben Sie nach der Ära Mehdorn versucht, das Image der Bahn aufzupolieren und das Unternehmen servicefreundlicher und sympathischer erscheinen zu lassen. Wie sehr hat Sie das Debakel in Mainz zurückgeworfen?

Selbstverständlich hat uns das ganz erheblich zurückgeworfen, das ist mir klar. Aber das spornt mich eher noch mehr an, mein und unser Engagement zu steigern. So etwas wie in Mainz darf nicht passieren, aber es ist leider passiert. Jetzt müssen wir hart daran arbeiten, damit sich das nicht wiederholen kann. Was die Personalfrage angeht, tun wir seit einiger Zeit bereits sehr viel. Im vergangenen Jahr hat DB Netz 1000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter neu eingestellt, wir haben in diesem Jahr 247 Fahrdienstleiter mehr als Ende 2012. Und wir werden 2013 rund 600 statt der geplanten 300 Fahrdienstleiter neu rekrutieren.

Der Chef der Lokführergewerkschaft GDL, Claus Weselsky, bemüht dazu bissig folgendes Bild: Die Pfütze war im Durchschnitt 30 Zentimeter tief, und trotzdem ist die Kuh ersoffen. Will heißen: All das reicht nicht.

Man kann die Situation nicht per Knopfdruck ändern, Fahrdienstleiter ist doch nicht irgendein Job wie Wurstwenden an der Frittenbude – auch wenn das jetzt zu meinem großen Ärger teilweise so dargestellt wird. Nein, dafür braucht man Mitarbeiter, die eine anspruchsvolle berufliche Ausbildung absolvieren. Und Quereinsteiger müssen ebenfalls gründlich qualifiziert werden, das braucht seine Zeit.

Wenn Fahrdienstleiter derartige Spezialisten sind, werden sie dann gut genug bezahlt? 30.000 bis 40.000 Euro im Jahr wirken da eher bescheiden.

Wir sind für faire Löhne, aber wir müssen auch darauf achten, dass das Unternehmen wettbewerbsfähig bleibt.

Können Sie nach ersten Notfallmaßnahmen garantieren, dass sich der Fall Mainz vorerst nicht wiederholt?

Wir tun alles, um es zu verhindern. Aber gerade wurden an einem anderen Stellwerk in der Nähe von Mainz Leitungen bei Bauarbeiten beschädigt, schon haben wir ein Problem. Das Bahnwesen ist schlichtweg sehr komplex und damit störungsanfällig.

Aber in Mainz sind gerade einmal neun Mitarbeiter ausgefallen – wie kann es sein, dass das bei einem 300.000-Mitarbeiter-Konzern nicht aufgefangen wird, sondern zu einem wochenlangen Chaos führt?

Man kann Fahrdienstleiter nicht einfach von einem Stellwerk zum anderen verschieben. Die müssen für den Dienst die Strecken und Bahnhöfe vor Ort aus dem Effeff kennen, schon aus Sicherheitsgründen. Aber wir arbeiten daran, dass es künftig eine sogenannte Überdeckung gibt, also eine höhere Flexibilität bei den Einsatzmöglichkeiten. Fahrdienstleiter sollen so ausgebildet werden, dass sie in Zukunft in allen angrenzenden Stellwerken ihres Einsatzortes Dienst tun können. Außerdem muss unser Frühwarnsystem zur Erkennung von Engpässen besser werden.

Den Mitarbeitern in Mainz haben Sie sich gestellt, den Kunden nicht. Warum nicht?

Das würden unsere Kunden doch nur als Marketing-Gag abtun. Aber unsere Führungskräfte und Mitarbeiter haben sich vor Ort entschuldigt.