Ägypten

Soldaten stürmen besetzte Moschee

Muslimbrüder liefern sich Schießerei mit Sicherheitskräften. Ein paar Berliner sind froh, wieder zu Hause zu sein

Das Flugzeug aus Kairo landet in Schönefeld. Robert Schaller sieht noch etwas müde aus, als er den Wagen mit seinen Koffern durch die Schleuse schiebt. Er hat in den letzten Tagen nicht so viel geschlafen. „Meine Wohnung in Kairo lag genau im Stadtzentrum“, sagt der 33-Jährige. „Ich habe es immer wieder knallen hören.“ Seine Frau Annett sieht dafür umso beruhigter aus, dass er jetzt wieder in Deutschland ist. Robert Schaller wollte für die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) für ein halbes Jahr in Ägypten arbeiten – wurde vorerst jedoch aus Sicherheitsgründen wieder außer Landes gebracht. „Ich habe schon versucht“, sagt er, „auch außerhalb der Ausgangssperre nicht länger als nötig auf der Straße zu sein.“

In Kairo stürmten Polizisten und Soldaten die von Demonstranten besetzte Al-Fateh-Moschee. Kurz zuvor wurden die Sicherheitskräfte vom Minarett der Moschee aus beschossen, erwiderten das Feuer. Während der Schießerei rannten Dutzende Anhänger von Ex-Präsident Mohammed Mursi in Panik aus der Moschee. Nach Angaben aus Sicherheitskreisen wurden während der Räumung der Moschee sieben bewaffnete Männer festgenommen. Darunter ein türkischer Staatsbürger, ein Sudanese und zwei weitere arabische Ausländer, deren Herkunft noch nicht geklärt ist. Die Unterstützer der entmachteten Islamistenregierung hatten sich am Freitagabend nach dem Ende einer Massenkundgebung gegen die Übergangsregierung auf dem Ramses-Platz in dem Gebäude verbarrikadiert. Bis zum Mittag holten die Sicherheitskräfte einige Dutzend Demonstranten aus der Moschee und schützten sie vor gewalttätigen Anwohnern, die sich auf sie stürzen wollten.

In Giseh, einem Vorort von Kairo, ist der Bruder von Al-Qaida-Chef Aiman al-Sawahiri festgenommen worden. Mohammed al-Sawahiri werde die Unterstützung des entmachteten Präsidenten Mohammed Mursi vorgeworfen, sagten Vertreter der Sicherheitsbehörden.

Auch die Berlinerin Jasmin E. landet am Sonnabendnachmittag in Schönefeld, sie hat diesen Flug schon vor Wochen gebucht. „Ich wollte einfach meine Familie hier besuchen“, sagt sie. „Das ist keine Flucht für mich.“ Sie wohne in Kairo sehr nahe am Flughafen, und diese Gegend sei auch während der Unruhen nicht gefährlich gewesen. „Ich werde auch in zwei Wochen wieder zurückgehen“, sagt sie, „mein Mann ist schließlich auch noch dort.“ Aufgewachsen ist sie in Steglitz und wird dort jetzt auch für mindestens zwei Wochen bleiben. „Aber ich bin schon nach Ägypten gegangen, um dort zu wohnen.“

Keine Waffen nach Ägypten

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) rief zu einem Ende der Gewalt in Ägypten auf. „Gewalt darf in keinem Falle ein Mittel zur Lösung der Probleme sein“, sagte sie der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Die Kanzlerin äußerte sich „sehr besorgt“ über die Lage in dem Land, dessen Gesellschaft „politisch tief gespalten“ sei. Am Montag wollen sich die EU-Botschafter in Brüssel zu einer Sondersitzung treffen.

Angesichts der blutigen Zusammenstöße will die Bundesregierung keine neuen Waffenexporte nach Ägypten genehmigen. Die deutsche Rüstungsexportpolitik sei ohnehin restriktiv, sagte Außenminister Guido Westerwelle(FDP) dem „Focus“. „Und das wird so bleiben, gerade mit Blick auf diese aktuellen Entwicklungen.“ Dem Bericht zufolge prüft die Bundesregierung derzeit, wie mit bereits genehmigten, aber noch nicht erfolgten Waffenexporten umgegangen werden soll. Im ersten Halbjahr 2013 lieferten deutsche Unternehmen Rüstungsgüter im Wert von rund 13,2Millionen Euro an Ägypten. Es habe sich vor allem um Ausrüstungsgegenstände für die ägyptische Marine und um Telekommunikationstechnik gehandelt.

Die Situation in Ägypten war am Mittwoch eskaliert, als bei der gewaltsamen Räumung zweier Protestlager und anschließenden Unruhen 578 Menschen getötet wurden. Es war der blutigste Tag in Ägypten seit der Entmachtung Mursis am 3. Juli. Am Freitag starben 173 Menschen. Unter ihnen ist auch der Sohn des Chefs der ägyptischen Muslimbrüder. Ammar Badie sei auf dem Ramses-Platz erschossen worden, erklärte die Partei der Freiheit und der Gerechtigkeit, der politische Arm der Muslimbrüder. Mursis Anhänger riefen für eine Woche zu täglichen Protesten auf.

Am Flughafen Schönefeld ist Baha Ibrahim erst einmal froh, seine Frau wieder in die Arme zu schließen. Sie ist erst vor wenigen Monaten nach Kairo gezogen, hatte dort einen neuen Job angefangen. Baha Ibrahim wollte ihr nachfolgen. „Jetzt haben wir das aber erst einmal verschoben“, sagt er. „Das ist uns noch zu unsicher.“ Der Spandauer mit ägyptischen Wurzeln telefonierte täglich mit seiner Frau. Sie wohnte in Alexandria, nicht in Kairo, aber gerade deshalb sei der Weg zum Flughafen ein Wagnis gewesen. „Beinahe hätte ich das Flugzeug auch nicht mehr bekommen“, sagt sie. „Ich bin jetzt zumindest in Sicherheit.“

Hunderte Menschen demonstrierten am Sonnabend in Berlin gegen die Gewalt in Ägypten. Sie trafen sich am Nachmittag am Alexanderplatz, um zur ägyptischen Botschaft in der Stauffenbergstraße zu ziehen. Die Demonstranten – darunter viele Frauen – riefen „Nieder mit dem Militär“.