Sicherheit

Alarmstufe 1 im Kanzlerjet

Ende Juli klettert ein Mann in Merkels streng gesicherten Regierungsflieger. Das Protokoll eines Polizei-Einsatzes

Es ist der Abend des 25.Juli, in Bayreuth beginnen die Festspiele. Auf dem Grünen Hügel trifft sich die Prominenz, Kanzlerin Angela Merkel erscheint in blauem Kleid mit Blazer. Während Richard Wagners „Der fliegende Holländer“ spielt sich rund 450 Kilometer entfernt eine unglaubliche Geschichte ab. Einem Unbekannten gelingt es, in Merkels Regierungsmaschine einzudringen – obwohl die auf einem militärisch streng bewachten Teil des Flughafens Köln/Bonn abgestellt ist.

Der Berliner Morgenpost liegt dazu ein brisantes Papier vor. Die Bundespolizei hat den Einsatz in Köln/Bonn auf acht Seiten dokumentiert. Die Chronologie liest sich wie ein Protokoll des Versagens der Bundeswehr – was weiter am Image des Verteidigungsministers Thomas de Maizière(CDU) kratzt, der in der Drohnen-Affäre viel Vertrauen verloren hat. Diese Zeitung veröffentlicht und erläutert nachfolgend zentrale Passagen des Vermerks. Die Zitate aus dem Papier sind kursiv gesetzt, einige Angaben wurden aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes anonymisiert.

25. Juli, 21.27 Uhr: Objektinformation vorhanden.

Das „Objekt“, zu dem eine Information vorliegt, ist etwa 700 Meter breit und 1800 Meter lang – der militärische Teil des Flughafens. Er liegt zwischen der Luftwaffenkaserne Wahn und dem zivilen Airport und dient der Flugbereitschaft als Hauptstandort. Das Areal im Kölner Südosten gleicht einem Hochsicherheitstrakt.

21.28 Uhr: Anruf militärischer Teil. Eine fremde Person auf dem Luftfahrzeug der Bundeswehr.

Jetzt ist klar, was hinter der Information steckt: Ein Unbekannter ist auf eine Maschine der Flugbereitschaft geklettert. Ist er bewaffnet, hat er Sprengstoff dabei? Womöglich ein islamistischer Terrorist?

21.34 Uhr: Mitteilung der Firma Nordwacht (privater Sicherungsdienst der Bundeswehr). Auf der Stellfläche 37ZULU Platte befindet sich in einem A319 der Bundeswehr eine männliche Person, die unter Drogen stehen soll. Die Maschine wird von der Bundeswehr gesichert. Auf die Aufforderung, die Maschine zu verlassen, reagiert die Person nicht.

Die Situation ist heikler als gedacht. Der Eindringling macht sich ausgerechnet an dem Airbus A319 mit der Kennung 1502 zu schaffen. Das erst vor drei Jahren angeschaffte Flugzeug, Listenpreis 58 Millionen Euro, verfügt über einige Extras – und dank Zusatztanks reicht der Sprit für Nonstop-Flüge nach Washington oder Peking.

21.42 Uhr: Die Person hat gegen 20.40 Uhr ein Notsignal im Cockpit ausgelöst. Seit diesem Zeitpunkt weiß die Bundeswehr von der Person.

Dem bislang nicht identifizierten Mann ist es gelungen, erst in die Maschine und dann ins Cockpit einzudringen. Dort drückt er den Emergency Locator Transmitter, ein Alarmsystem, das im Falle eines Absturzes oder Unfalls aktiviert wird.

21.45 Uhr: Auf dem Vorfeld wurde eine Tasche mit vermutlichen diversen Drogen gefunden.

Bei den Drogen handelt es sich um Ecstasy und Marihuana. Der Fund verstärkt den Verdacht, dass der Mann im Cockpit unter Drogen steht.

21.54 Uhr: Lagesofortmeldung 08/2013 abgesetzt. Einsatzalarmstufe wurde geändert von 3 auf 1. ... Einsatzart wurde geändert von PRÄVENTION zu SONDERLAGE. Die Maschine hat vermutlich fünf bis acht Tonnen Sprit an Bord. Die Bundeswehr kann nicht ausschließen, dass die Maschine gestartet werden kann.

Erst jetzt, beinahe eine halbe Stunde nach der ersten Information, nehmen die Sicherheitskräfte den Vorfall wirklich ernst. Stufe 1 ist die höchste Alarmstufe, die „Sonderlage“ wird beispielsweise bei Geiselnahmen ausgerufen. Nicht auszudenken, was geschehen wäre, wenn der Unbekannte die Maschine gleich nach der Kaperung gestartet hätte. Im Fall einer Kollision hätte der Jet leicht explodieren können. Der Rücktritt von Verteidigungsminister de Maizière wäre wohl unvermeidlich gewesen.

22.04 Uhr: In der Tasche auf dem Vorfeld wurde ein Zettel mit folgenden Personalien gefunden: T..., Volkan...1986

Fast 20 Minuten sind nach der Entdeckung der Tasche verstrichen, bevor jener Zettel entdeckt wird, der Hinweise auf die Identität des nächtlichen Eindringlings gibt. Volkan T., 26Jahre alt, ist ein Deutscher mit türkischen Wurzeln. Er wohnt auf der rechtsrheinischen Seite von Köln, im Stadtteil Porz, wenige Kilometer vom Tatort entfernt.

22.16 Uhr: Eintreffen Feldjäger mit Einsatzleitung vor Ort.

Nun lässt sich die Militärpolizei blicken. Warum dauert das so lange? Schließlich liegt neben dem Rollfeld eine der größten Kasernen des Landes, die Luftwaffenkaserne Wahn.

22.19 Uhr: Maschine wird ausgeleuchtet. Löschfahrzeug vor Ort. Batterie des Luftfahrzeugs wurde abgeklemmt. Maschine kann nicht mehr starten.

Eine große Gefahr ist gebannt: Volkan T. kann die Triebwerke nicht mehr in Gang setzen.

22.20 Uhr: Stärke Bundespolizei 3/4. Dienstgruppenleiter Nachtdienst vor Ort.

„3/4“ bedeutet im Jargon der Bundespolizei: drei Beamte des gehobenen Dienstes und vier Beamte des mittleren Dienstes.

23.23 Uhr: Luftfahrzeug-Treppe wird an die Maschine angebracht, es wird versucht, da sich die Person nicht mehr im Cockpit befindet, über Megafon Kontakt aufzunehmen.

Die Polizei hat keinen Funkkontakt zu dem Mann. Deshalb setzt sie ein Mittel ein, das im digitalen Zeitalter etwas antiquiert wirkt: ein Megafon.

00.16 Uhr: Gegen 0.00 Uhr sind Hundeführer der Landespolizei eingetroffen. Es ist geplant, die Person mit Hilfe der Diensthunde aus dem Flugzeug zu holen.

Endlich! Ein Plan.

00.23 Uhr: Die Person wurde erfolgreich festgenommen. Person ist gefesselt und wird aus dem Luftfahrzeug geführt. Sie wurde durch den Diensthund gebissen. Person ist am Unterschenkel leicht verletzt. Sanitäter sind vor Ort.

Am Ende ist doch alles ganz schnell gegangen. Die Militärs und Polizeibeamten können aufatmen. Merkels Regierungsjet ist weder entführt noch in die Luft gesprengt worden. Abgesehen von zwei Hundebissen, die Volkan T. erlitten hat, ist kein Mensch zu Schaden gekommen. Dass die Sache glimpflich ablaufen würde, war drei Stunden zuvor keineswegs abzusehen. Glück gehabt.

Um die Sicherheit war es am 25. Juli nicht gut bestellt, Volkan T. hat die Luftwaffe zum Narren gehalten. Der Deutschtürke T., ein als verwirrt geltender Bodybuilder, der bei seiner Festnahme bloß eine Unterhose trug, hatte offenbar persönliche Motive. Er soll Liebeskummer gehabt haben. Jetzt sitzt er in einer geschlossenen psychiatrischen Anstalt. Gegen ihn ermittelt die Staatsanwaltschaft Köln.

Verteidigungsminister de Maizière möchte die Affäre am liebsten abhaken. Fragen will er selbst nicht beantworten. Die SPD gibt sich damit jedoch nicht zufrieden. Ihr Verteidigungsexperte Rainer Arnold sagt, dass die Bundeswehr an der Sicherheit spart und statt eigenen Personals wenig qualifizierte Mitarbeiter von Wachschutzfirmen einsetzt.